Beim Begriff “Kartäuser” denkt man je nach persönlicher Sprachlandkarte an alles mögliche, etwa an
Klöße,
Liköre,
Katzen,
Pferde oder schweigende Mönche, und von denen leiten sich letztlich alle anderen Begriffe ab. Sie selbst heißen so, weil das erste Kartäuserkloster vom
Hl. Bruno 1084 in
La Chartreuse gegründet wurde.
Der Orden kokettiert damit, als einziger nie nennenswert refomiert worden zu sein, weil er nie der Reform bedurfte. Sein Wahlspruch ist “stat crux dum volvitur orbis” (es steht das Kreuz, während sich die Erde dreht), und neben den
Trappisten bildet er den einzigen Schweigeorden der katholischen Kirche. Während die Trappisten grob gesagt die Reform einer Reform der Benediktiner darstellen (man könnte auch sagen die Verschärfung der Verschärfung der Auslegung der Ordensregel), sind die
Kartäuser Halberemiten. Jeder Kartäuser verbringt die meiste Zeit in seinen eigenen Räumen, quasi einer Einsiedelei als Teil eines Klosterkomplexes. Der Orden war mal (erstaunlicherweise) recht verbreitet, zählt heute weltweit aber nur ca. 400 Mönche und ca. 75 Nonnen.
In Deutschland gibt es die
Kartause Marienau, und ich bilde mir ein, daß sie mal eigene Webseiten hatte, aber die gibt es nicht mehr. Wer sich aus erster Hand informieren will, muß schon über den internationalen deutschsprachigen
Webauftritt des Ordens gehen. Für einen Schweigeorden sind die deutschen Kartäuser recht rege geworden in ihrer Öffentlichkeitsarbeit, und das ist auch der eigentliche Grund für diesen Blogeintrag: Im Beuroner Kunstverlag ist ein schmaler
Bildband über die Kartause Marienau erschienen. Betrachtet man ihn genauer, so ist es eher eine 50seitige Imagebroschüre über das Kartäuserleben denn ein konventioneller Bildband. Es entspricht ja eigentlich der Natur eines Schweigeordens, daß er sich ziemlich hermetisch nach außen abschottet. Besuche sind selbst für engste Familienangehörige nur an zwei Tagen im Jahr möglich, Exerzitien, “Tage im Kloster” oder ähnliches bieten die Kartäuser prinzipbedingt nicht an. Will man dennoch einmal hinter die Fassaden blicken und erfahren, wie sich bspw. der Tagesablauf gestaltet, wie die Kartause aufgebaut ist, wie so eine Zelle mit ihrem Garten von innen aussieht oder welche Gedanken hinter solchen Lebensentwürfen stecken, dann sind die 8,50 Euro wohlinvestiertes Geld, denn die Texte des Bandes stammen von den Mönchen selbst, was das Bändchen ziemlich einmalig macht. Denn um es noch einmal zu betonen: Das sind Eremiten, die ein extrem zurückgezogenes Leben führen, das ist kein Missionsorden.
Dem Büchlein kann man unter anderem entnehmen, daß die Zellen der Mönche aus vier Räumen (Wohnraum, Vorzimmer, Waschzimmer, Werkstatt) und jeweils einem frei gestaltbaren etwa 100qm großen Garten bestehen. Den Bildern nach zu urteilen kann sich von diesen Gärten der durchschnittliche bundesdeutsche Vorgarten eine Scheibe abschneiden. Miteinander gesprochen wird während eines sonntäglichen Spaziergangs, ansonsten wird nur das notwendigste gesagt und eben gemeinsam gebetet. (Im Gegensatz zu den Trappisten kennen die Kartäuser keine Zeichensprache, verbringen aber eben auch sehr viel mehr Zeit alleine im Gebet.) Sonntags wird auch eine Mahlzeit gemeinsam eingenommen, ansonsten speist jeder Eremit für sich allein. “Speise” meint hier fleischlose (und kirchenzeitabhängig auch milchlose) Kost, zwei Mahlzeiten pro Tag und ein Fasttag pro Woche, an dem es nur Wasser und Brot gibt. Die mehrfach untergliederte “Probezeit” bis zum dauerhaften Ordenseintritt beträgt stattliche elf Jahre, viermal stimmen die anderen Mönche in dieser Zeit über den Verbleib des Kandidaten ab.
Ich werde hier keine Diskussion über Sinn oder Unsinn solchen Lebens führen. Die Frage, ob Einsiedler “nützliche” Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft sind, kann am ehesten bejahen, wer glaubt, daß Beten einen nicht nur persönlichen Sinn hat. (Manchmal frag ich mich angesichts gewisser Nachrichten, ob das nicht sogar die einzige konsequente Reaktion auf diese Welt ist. Und verneine es unter Schmerzen.)