
Mit diesen beiden Angaben erfreuten mich heute zwei Digitalanzeigen. Kurzgefasst radle ich seit wenigen (sieben?) Wochen zur Arbeit (2x8,5km) und an den freien Tagen etwas mehr. Was mich ohne weiteren Eingriff in meine Lebensgestaltung nun schon um acht bis zehn Kilo erleichterte. Und dabei brauch ich zur Arbeit brutto ungefähr gleich lang wie bisher mit der Straßenbahn.

Langfassung: Ich bin etwa fünfzehn Jahre nicht mehr radgefahren. (Obwohl - das ist nur die mittellange Fassung. In der Langfassung fange ich bei den guten alten Pfadfindertagen und den Wanderlagern mit vielen, vielen Fahrradkilometern an.) Das war gar keine bewußte Entscheidung, es ergab sich so. Die Strecke von Durlach nach Karlsruhe über die Durlacher Allee ist unangenehm zu radeln wegen der Autobahnzu- und -abfahrten und, mehr noch, den permanenten Falschradlern. Naja und so stand mein schönes schwarzes Herrenrad die meiste Zeit rum, irgendwann mit zwei Plattfüßen. Ich mutierte zum leidenschaftlichen Fußgänger und verbrachte auch so manche Stunde, die Wege zwischen Weingarten und Bad Herrenalb zu erkunden. Dann, vielleicht vor nem Jahr oder so, mistete meine Studentenverbindung ihre Garage aus und teilte mir beim montäglichen Barabend (den ich als Vertreter der Altherrenschaft fast jede Woche aufsuche, der Jugend von früher erzählen und biertrinken) mit, alles, woran Studierende Interesse hätten, sei schon aussortiert, und der ganze Rest komme nun raus, denn morgen früh sei Sperrmüll. Darunter waren auch mehrere Fahrräder in verschiedenem Zustand. Sie alle befanden sich schon länger als zehn Jahre in der Garage, und es ließ sich nicht rekonstruieren, wer sie da mal reingestellt hatte. Alle Infragekommenden waren angemailt worden. Darunter war auch ein rotes intakt wirkendes Fahrrad mit 18-Gang-Schaltung. (Ich wurde mittlerweile vom Baumgärtner belehrt, daß man ein Rad mit Schutzblechen nicht als Mountainbike bezeichnen dürfe, aber im Prinzip sowas in der Art.) Ich hab noch zweimal nachgefragt, ob das denn wirklich keiner aus der akademischen Jugend haben wolle und es wirklich morgen früh im Rachen des Sperrmüllasters lande, und leicht genervt wurde mir bedeutet, genau so werde es kommen. Daraufhin nahm ich es mit nach hause.

Erstaunlicherweise hielten die beiden Schläuche sogar noch die Luft, so daß ich erste zögerliche Versuche damit unternahm. Nunja. Nach fünfzehn Jahren, davor nur Fünfgang oder ganz ohne Schaltung, sind erste Geh- äh Fahrversurche auf dem unebenen Durlacher Kopfsteinpflaster mit einem 18-Gang-Rad eine sehr wacklige Angelegenheit. Sehr wacklig. Das ist wie bei den ersten Stunden auf Inline-Skates: Man möchte am liebsten auf einem ganz abgelegenen, menschenleeren, aber frisch geteerten Feldweg sein. Aber nein, man steht mitten in Durlach. Also fährt. Sogut das eben geht. Und schiebt das Ding dann resigniert wieder in’s Haus und vertagt die Sache erstmal.
Nun hatte ich zum Zwecke der Gewichtsreduktion ja schon in den Vorjahren Experimente mit so komischen Trainingskonstruktionen aus Metall unternommen. Da kann man vorher die Fensterläden zumachen und blamiert sich nur vor sich selbst, außerdem kann man dabei podcasthören. Aber gebracht hat das gewichtstechnisch genau garnichts. Aber nun also das Fahrrad. Irgendwann Ende März der Beschluß “ab heute radle ich”. Erste “Touren” von wenigen Kilometern führten mich sehr langsam von Waldwegen wieder hin zur Sicherheit, mich auch in fließendem mehrspurigen Autoverkehr zu behaupten. Das Rad bekam neue Reifen und Schläuche, auch sonst wurde so das eine oder andere verändert oder erneuert. Mein Regenponcho zerbröselte unter dem Gelächter der Azubis, 20 Jahre im Etui waren wohl doch für das Gummi zu lange. Insgesamt sind da nun so 200-300 Euro investiert, schätz ich, und wenn erst die Richtig Große Lampe geliefert wurde (ich werde berichten - ich hab ne neue Rubrik im Blog, schon bemerkt?), hab ich wohl ein mehrfaches des Radwertes drangebastelt.

Nun gibt es Menschen, die finden mich penetrant. Ich finde mich beharrlich, aber das kommt auf’s gleiche raus, und vielleicht freut es jene Menschen, hier zu sehen, daß ich mir selbst gegenüber genauso lästig sein kann wie gegenüber anderen Menschen. Der Beschluß “ab heute radle ich” wurde jedenfalls bislang bei jedem Wetter umgesetzt. Und da die letzten zwei Wochen ja genug Regen eines durchschnittlichen Karlsruher Jahres zu bieten hatten, hab ich nun von Landregen über Platzregen, Sturm (also “Karlsruher Sturm” natürlich nur), Hagel bis was-es-auch-immer-noch-geben-mag durch. Eigentlich alles besser als zu warm/schwül, jedenfalls wenn wir vom Hinweg zur Arbeit reden.
Zunächst, vor den Osterfeiertagen, nahm ich mir für die arbeitsfreien Tage “wenigstens 20km/Tag” vor, was ich dann zur eigenen Freude vom ersten Tag an auf 40 erhöhen konnte, teilweise mit Unterbrechungen. Leidtragender war das Gesäß, ich führte meine eigenen “Walk like a Pirate”-Days ein. Und irgendwie hab ich in den Waden seit Wochen leichten Muskelkater und brauch nächtens ca. 2h länger Schlaf. Ich hoffe mal, das bleibt nicht so. Letztes Wochenende war ich bei 2x50, gestern bei 60,06 und heute siehe Titel. Wobei der limitierende Faktor das schwindende Sonnenlicht war.
Sehr angenehm überrascht war ich von der Ausschilderung der Radwege außerhalb Karlsruhes. Die Investition in drei Radkarten hätte ich mir sparen können, praktisch an jeder Wegkreuzung hängen grünweiße Schilder, und mit etwas lokaler Geographiekenntnis reicht das aus. Auch innerstädtisch hat sich in den letzten fünfzehn Jahren wirklich einiges getan, und die meisten Autofahrer(innen) nehmen einen auch zumindest zähneknirschend ernst, wenn man vor ihnen herradelt (hab ich schon erwähnt, daß ich der festen Überzeugung bin, daß man auch Zweiräder nur durch einen Spurwechsel überholen kann?). Eigentlich nur die Landstraße von der Waldstadt nach Eggenstein (und zurück) bleibt mir diesbezüglich in schlechter Erinnerung. Es ist erstaunlich, zu welche waghalsigen Fahrmanövern PKW-Lenker(innen) neigen, statt mal für wenige Minuten hinter einem Fahrrad herzuzuckeln, bis die Straße grade ist und ich auch gerne mal freiwillig nach rechts rausschwenke.

Aber Fahrradcontent wird’s künftig wohl regelmäßig geben. Ich hab seit einigen Monaten eine Panasonic SDR-S7, die sich mit so einem Klauenstativ recht gut am Lenker befestigen lässt. Mit fünf Akkus (je 30-60 Minuten Filmzeit) und genug Speicherkarten kann man da ganz gut dokumentieren, auch wenn’s natürlich stärker wackelt als etwa eine Helmkamera, für die auf meinem Kopf schlicht der Helm fehlt. Aber sobald ich für mein angestaubtes Desktoplinux passende Schnittsoftware gefunden und gebaut hab, kriegt Ihr sogar bewegten Content. Mit Nummernschildern besonderer Torfnasen. Vor allem aber mit schönen Landschaftsaufnahmen. Oder von heute: Ettlinger Altstadtfest(?) vor und nach dem Regen. Mal schaun.


Ach ja der Weg zurr Arbeit: Untenrum am Güterbahnhof entlang. Also erst die Durlacher Allee, die Brücke über den Bahnhof Durlach hoch. (Rechts, wie sich das gehört.) Dann die Unterführung bei der Untermühlsiedlung, dann durch die Schrebergärten über einen winzigen beschrankten Bahnübergang zum Bahnbetriebsweg, den entlang, dann über die Schwarzwaldbrücke hinter’m Hauptbahnhof wieder in die Stadt. Dann wahlweise am Albtalbahnhof links der Straßenbahn folgen bis zur Beiertheimer Brücke und dann hoch zum ZKM oder für diesen Abschnitt 500m weiter radeln und dafür landschaftlich reizvoll die Alb entlang (danke Deppisch!). Selbst wenn ich dann hoch zum Kaiserplatz muß, ist das der zu bevorzugende Weg gegenüber der weiterhin abscheulich zu radelnden Durlacher Allee.