
Liebes Tagebuch, ich war heute beim KSC. Schon dessen Spiel war traurig, aber was danach kam, war bestenfalls lehrreich: Ich wurde über eine Stunde von der Polizei festgehalten.
Wenn das Wildparkstadion sich entleert, dann strömen etwa 30.000 Menschen, also eine kleinere Stadt, gleichzeitig nach draußen. Für Karlsruhe typisch zieht sich ein breiter Menschenstrom den Adenauerring nach vorn zur Straßenbahnhaltestelle Durlacher Tor. Wenn nun besonders ungastliche Gäste zugast sind oder die Gastgeber im Ruf stehen, ihre Gäste nicht zu mögen, dann werden normalerweise die Gäste in ihrem Block etwa eine Viertelstunde festgesetzt, bis die anderen weitgehend abgeflossen sind. Das ist sicher lästig, aber weiter kein Problem, da es da drin ja Verpflegung und Toiletten gibt und meist auch ausreichend Platz ist, daß man sich sogar hinsetzen könnte.
Heute war das anders. Heute war Stuttgart.
Der Stadionsprecher sagte durch, die Haltestelle Durlacher Tor sei nicht nutzbar, und man möge stattdessen durch den Schloßgarten zum Kronenplatz oder zum Marktplatz gehen. Nun. Erstens wollte ich eigentlich in die Oststadt, direkt neben die Uni bzw. den Adenauerring, und zweitens bin ich mir nicht sicher, wie gut der Schloßgarten nachts beleuchtet ist. Und ich bin nachtblind. Also beschloß ich, trotzdem ostwärts zu gehen und halt bei erstbester Möglichkeit vom Adenauerring in die Oststadt abzubiegen. Und weil nach dem zweiten Treffer des VfB in der 88. Minute keine Wendung des Spiels mehr zu erwarten war, verließ ich da schon den A1, um zügig wegzukommen (wiederum, weil ich als Nachtblinder ungern in einem großen Pulk schlechtbeleuchteter Menschen unterwegs bin).

Ungefähr auf halber Stadionhöhe war dann leider die Straße komplett mit Absperrgittern gesperrt. Hinter den Gittern eine reine Frauenmannschaft der Polizei, die später durch Ordner eines Sicherheitsunternehmens (wohl vom KSC beauftragt) verstärkt wurde. Dahinter einige männliche Polizisten. Insbesondere einer, dessen Mund und Nase mit einem Stück Plastik wie bei Darth Vader verborgen waren und der immer rumlief und den Damen Befehle erteilte. So etwa “drei Schritte vor” oder “einer zurück” oder später “Helme aufsetzen”. Der wurde noch von Hundeführern und Kameraleuten unterstützt und trug auf dem Rücken die Aufschrift “BW 213 I**”. Außerdem gab’s noch von der Bereitschaftspolizei eine im Laufschritt herumrennende Einheit, die mit ihren schwarzen Helmen noch etwa weniger zivilisiert aussahen.
Tja. Und da stand ich dann. Am Absperrgitter. Hinter mir füllte es sich, klar, der Rest vom Stadion wollte ja auch nach hause. Namentlich die weniger nüchternen schoben sich nach vorne, insgesamt war es sehr eng gedrängt. Und immer mal wieder, etwa wenn eine der Nasen auf die unterste Sprosse so eines Absperrgitters kletterte, kam eiligst eine Handvoll Polizisten und drohte mit den Stöckchen. Dazwischen stand noch ein Einsatzwagen, und auf dessen Fahrersitz saß ein junger Mann, der wiederholt irgendwelche Texte in ein Mikrophon abzulesen versuchte. Leider war die Audioausstattung dieses Fahrzeugs hundsmiserabel, es kamen nur scheppernde Höhen an, so daß ich trotz größtmöglicher Konzentration kein Wort verstand. Wenn das das Informationskonzept der Polizeit für Notfälle ist, dann wollen wir mal hoffen, daß keine Notfälle eintreten. Anfangs wurden wir noch alle ruhig, wenn er sprach. Bis wir uns damit arrangierten, ihn nicht zu verstehen. (Besonderes Highlight: Ab und zu sprach gleichzeitig mit ihm ein anderer Kollege über eine andere Beschallung.) Was dann umgekehrt später dazu führte, daß es erst richtig laut wurde, wenn der Held wiederum versuchte, unverständliches Gezische über seine Lautsprecher zu geben.

Das war dann auch der lehrreiche Punkt: Die Stimmung wird bei sowas nicht besser mit dem Fortgang der Zeit. Nähme man die am Anfang mal gehörte Aussage, wir dürften gehen, wenn sich die Lage entspannt habe, wörtlich, dann stünden wir noch immer dort. Denn selbst der friedliebendste Mensch wird reizbar, wenn er - nach drei Stunden auf einem Stadion-Stehplatz - über eine Stunde eingeklemmt zwischen tausenden anderen wütenden Leuten an einer Absperrung steht. Mein christliches Menschenbild verbietet mir, den Tätern das zu wünschen, was ich ihnen wünschen möchte, aber irgendwie versteh ich jetzt, warum sich manchmal Gewalt gegen Ordnungspersonal entlädt. Und ich versteh jetzt überhaupt, wie es zu Gewalt nach Fußballspielen kommt. Denn - wahrscheinlich glaubt’s mir ja keiner, aber trotzdem: Mindestens 99,9% der Festgehaltenen wären völlig friedlich zu ihren Straßenbahnen oder Autos gegangen, wenn man sie hätte gehen lassen.
i-Tüpfelchen war dann, nachdem wir bis 20:07 da also eingekeilt standen, die Nationalhymne sangen und erwogen, gegen das Gitter zu pinkeln in Ermangelung sanitärer Alternativen, als es dann endlich weitergehen sollte, da war dann das i-Tüpfelchen, daß sich nur das Wachpersonal verzog. Die Absperrungen blieben aber stehen und mußten überklettert werden. Es mag sich jeder ausmalen, welches Gefahrenpotential eine Polizeiabsperrung birgt, wenn von hinten tausende Menschen nachdrängen und vorne Betrunkene versuchen, sie zu überwinden. Der Trottel, der das verantwortet, sollte nie wieder diensttun. Hab ich schon erwähnt, daß ich richtig herzlich sauer bin?
Können diese Helden nicht irgendwelche Bankräuber verfolgen oder irgendwo ne defekte Ampel ersetzen? Oder wenigstens die Teilnehmer verbotener Demos schikanieren? Ich bin völlig legal in’s Stadion und hab mich nicht des geringsten Rechtsbruchs schuldig gemacht. Ich hab sogar minutenlang nen Mülleimer für meine leere Pommestüte gesucht (und gefunden). Und dann sowas. *fauch*