In der “großen” Politik kennt man das ja schon länger, daß mit immer neuen Verordnungen und Gesetzen hantiert wird, statt die bestehenden konsequent anzuwenden. Das führt dann natürlich zu der Schieflage, daß der formale Rahmen immer restriktiver wird, weil die Umsetzung ja dann eh im ersten Drittel wieder stehenbleibt. Leider hat dieses Phänomen nun auch den Karlsruher Verkehrsverbund erreicht.
Früher, in der Guten Alten Zeit, da saß der Fahrer quasi im Fahrgastraum, bekam mit was sich dort abspielte und griff bei Bedarf ein. Ich hab’s in den 90ern mehrfach erlebt, daß ein Fahrer nach hinten ging und Jugendliche darüber informierte, daß seine Straßenbahn erst weiterfahren würde, nachdem sie ihren Ghettoblaster abgestellt haben würden. Manchmal mag da von der Laune des Fahrpersonals abhängig gewesen sein, was durchging und was nicht. Ich erlebte einmal eine Fahrerin, die eine junge Frau mit ziemlich stinkendem Baby aufforderte, augenblicklich die Bahn zu verlassen und erst mit frischgewickeltem Kind wieder ein Fahrzeug zu betreten. Das ist natürlich etwas grenzwertig, zumal am Hirtenweg nicht grade ein Wickeltisch herumsteht. Und ohne Frage freuen sich die Fahrer, jetzt in einer (je nach Fahrzeugtyp) vernünftig klimatisierten Kabine zu sitzen und ihre Aufmerksamkeit rein dem Fahrweg zuwenden zu können. Aber so im ganzen hat es funktioniert.
Heute geht mehr oder minder alles. Ich selbst hab vor Monaten mal nachts einen Fahrer drauf aufmerksam gemacht, daß ein Vandale in seiner Bahn sitzt, der unmittelbar vor dem Einsteigen Haltestellenscheiben zerkratzt hatte. Hat den Fahrer nicht gejuckt. Erst als der junge Mann beim Aussteigen (etliche Haltestellen später: Gottesauer Platz bis Untermühlsiedlung) anfing, die Bahn selbst zu beschädigen, da öffnete der Fahrer seine Tür und ließ den unvergesslichen Ausspruch “Verschwind oder zeig Dein’ Ausweis her!”. Und die Reaktion des Verkehrsverbunds? Verschärfte Beförderungsbedingungen (
PDF, §§3f).
So ist nun unter anderem das Podcasthören (mit Kopfhörer) untersagt, sobald sich dadurch irgendjemand gestört fühlt. Ebenso das Absackerbierchen auf dem späten Heimweg, hier sogar unabhängig davon, ob es wen stört oder nicht. Himmelarschundzwirn, überlauten Lärm und unangenehme Folgeerscheinungen übernäßigen Alkoholkonsums kann man doch abstellen, ohne daß es hier zur Kollektivstrafe für die Kunden kommen muß? Dafür reichen die bisherigen Bestimmungen doch bei weitem aus? Muß der Fahrer halt die Eier im Sack haben, seinen Zug abzustellen und ggf. die Polizei zu rufen, bis das Problem gelöst ist. Er kann sich derweil ja sogar in seiner Kabine verschanzen. Ohne Umsetzung nutzen auch schärfere Bestimmungen nichts.
Früher gab es so Aufkleber mit durchgestrichenen Pommes- und Eistüten. Ich interpretierte das immer so, daß der Verzehr von Nahrungsmitteln, bei denen im ruckeligen Zug eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, daß Teile herunterfallen oder andere Fahrgäste verunreinigen, verboten sei. Nun lese ich, daß gezielt warme Speisen und eben alkoholische Getränke verboten sind. Also die nervige Eiswaffel ist neuerdings erlaubt, aber mein Bier muß ich im ICE ausgetrunken haben, weil ich in der Straßenbahn nur noch die leere Dose transportieren darf. Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis auch das Mitführen etwa von Taschenmessern oder das Tragen von Fastnachtsmasken untersagt wird. Nur an plärrende Babys und mutmaßlich schwerhörige, miteinander lautstark diskutierende Senioren traut sich niemand ran.
Und nicht zu vergessen: Selbstverständlich half in der Guten Alten Zeit der Fahrer bei Kinderwägen, Rollstühlen und Gehbehinderten beim Ein- und Ausstieg. Es gab zwar eine Minderheit, die sich auf irgendein Versicherungsproblem rausredete (was unlogisch ist, denn helfende Fahrgäste begeben sich ja in die gleiche Situation, und irgendwer mußte in den alten hohen Bahnen ja helfen), aber die meisten halfen ganz selbstverständlich und wußten auch, wie’s geht, und schon deswegen stiegen solche “Beförderungsfälle” von sich aus vorne beim Fahrer ein, wo auch der entsprechende Stellplatz vorgesehen ist. Heute haben wir einen gelungenen Mix aus depperten Kinderwagenschieberinnen, die garantiert hinten einsteigen wollen (kein Platz und eine sich ständig schließen wollende Tür machen Märtyrer aus den Frauen, die bestimmt anschließend über die kinderfeindliche Gesellschaft jammern, statt sich Hirn zu kaufen) und Fahrern, die nicht im Traum ihren Fahrstand verlassen würden, um irgendwem bei irgendwas zu helfen.
So, und weil ich es nun eben unternommen habe, meinem Ärger über die VBK luftzumachen, noch zwei weitere Punkte: Zum einen die elektronischen Abfahrtstafeln. Wäre nett, wenn richtiggehend. Also auch dann bezweifelte ich, daß diese Investition gerechtfertigt ist, aber es wäre zumindest eine nette Form, Steuergelder zu verbrennen. Aber erstens sind die Tafeln bei Gegenlicht nicht ablesbar und zweitens zeigen sie alles möglich an, aber selten die zu erwartenden Fahrzeuge in der zu erwartenden Reihenfolge. Nehmen wir mal den Marktplatz, die Haltestelle in der Kaiserstraße. Das ist eine Doppelhaltestelle, an der Züge nur einmal halten, entweder vorne oder hinten. (Sowas gibt es in Karlsruhe zum Glück selten.) Es ist also
die zentrale Information schlechthin, ob das Fahrzeug, das man besteigen möchte, vorne oder hinten hält. Aber selbst bei Bahnen, die seit der Schillerstraße hintereinander fahren (und Schienenfahrzeuge überholen sich nicht mal eben), versagt das System und zeigt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine falsche Reihenfolge an.
Zweiter Punkt: Die aktuelle Baustelle an der Poststraße. Wie gewohnt stehen VBK-Mitarbeiter für Auskünfte an vielen Haltestellen. Das ist sehr gut und wirklich vorbildlich. Noch schöner wäre aber, wenn alle Fahrer ihre Fahrgäste über die geänderten Kurse informieren würden. So kann man zum Beispiel in der Linie 2, Fahrt vom Arbeitsamt zum Hauptbahnhof, regelmäßig völlige Konfusion der Fahrgäste erleben, wenn ohne jede Vorankündigung der Wagen in den Albtalbahnhof einbiegt, statt zum Hauptbahnhof zu fahren. Klar hängen die geänderten Pläne an den Haltestellen, aber wer schaut schon vor der Abfahrt auf den Liniennetzplan? Und es rächt sich bei dieser Gelegenheit mal wieder die rein politische Zielfilmanzeige “ZKM”. Denn derzeit kann man an der Mathystraße in zwei Richtungen Linien 2 zum “ZKM” fahren sehen...