
Liebes Tagebuch, heute habe ich mir einen ganzen geisteswissenschaftlichen Tag gegönnt. Herr Prof. Dr. Bernd
Thum, den ich unter allen Dozenten, die mein Studium begleiteten, am ehesten als meinen akademischen Lehrer und Ziehvater bezeichnen möchte, hielt seine Abschiedsvorlesung. Und aus diesem Anlaß organisierte die Fakultät ein
Kolloquium (PDF).
Über die Mediävistik schreib ich ein andermal mehr. Hier nur in aller Kürze zusammengefasst, was mich mit Herrn Prof. Thum verbindet: Er wurde 1995 Dekan und blieb es die erstaunlich lange Zeit bis 2004, eine Zeit, in der die Fakultät starken Veränderungen unterworfen war. Ich wurde ca. 1996 EDV-Hiwi des Dekanats - ich hatte Webseiten für die Fachschaft gemacht, und das Dekanat wollte auch welche. Außerdem war ich, ich weiß nicht mehr genau wann, längere Zeit im Fakultätsrat. Erst als Student, dann als wissenschaftlicher Angestellter. In dieser Zeit war die Fakultät aus verschiedenen Gründen von der Schließung bedroht, konnte sie aber nicht nur abwenden, sondern wurde sogar als “Reformfakultät” ausgezeichnet dank der Anstrengungen vor allem der Herren Prof. Thum und Schütt - und der tatkräftigen Mitwirkung der Fachschaft. Details erspare ich Euch an dieser Stelle.
Ich schrieb 1997/98 meine Staatsexamensarbeit bei Herrn Prof. Thum über eine mittelalterliche Credo-Erläuterung, deren einzige Handschrift 1870 in Straßburg während des Beschusses durch die Deutschen verbrannte, so daß nur eine Abschrift der Handschrift existiert. Dazu gab es in der Frühzeit der Germanistik ein paar Publikationen, dann nochmal ein kurzes Aufflackern um 1950, sonst fast nichts. Also insbesondere auch keine Übersetzung aus dem Mittelhochdeutschen, und der Text war gespickt mit abenteuerlichem Kirchenlatein. Titel meiner Arbeit war “Des Armen Hartmann ‘Rede vom Glauben’. Laienreligiosität und Zivilisationsprozesse.”, und ich versuchte darin nachzuweisen, daß das Zielpublikum des Textes nicht, wie in der Literatur angenommen, die Burgbevölkerung, sondern die Bevölkerung der gerade entstehenden Städte war. Erst kurz vor Abgabe bemerkte ich, daß ich damit auch einer Aussage von Herrn Prof. Thum in einer seiner Publikationen widersprach...

Lief trotzdem sehr gut. An dieser Stelle vielleicht mal der Hinweis, daß zwar nicht diese Arbeit, wohl aber eine Aufschrift aus dem Gedächtnis meiner Staatsexamensklausur
online steht, Kommentare und Fragen dazu sind willkommen. Das Landeslehrerprüfungsamt wollte übrigens ursprünglich Hartmann von Aue nicht als Prüfungsthema akzeptieren wegen der Überschneidung zum “Armen Hartmann”. Erst Kopien aus dem Autorenlexikon konnten den Sachbearbeiter überzeugen, daß die beiden Hartmänner über hundertfünfzig Jahre auseinander gelebt haben und es sich nicht um den gleichen Autor handelt. Konsequenterweise war Herr Prof. Thum auch der Korrektor meiner Klausur und einer der beiden Prüfer in der mündlichen Prüfung (der andere war der Brecht-Experte Prof. Dr. Jan Knopf, Prüfungsthemen waren Hartmann von Aue, Kalendergeschichten, Arthur Schnitzler (sic! ich konnte danach monatelang keinen Roman mit Genuß lesen) und als sprachwissenschaftliches Thema “Fachsprachen”).
Durch mühsam eingeworbene Drittmittel (bei Geistes- und Sozialwissenschaften ist das kein alltäglicher Vorgang) entstand mir nach dem Examen 1998 eine Promotionsstelle, de facto die Geschäftsführung des frischgegründeten Studienzentrums Multimedia an der Fakultät. Herr Prof. Thum nahm mich als Doktorand an mit einem Hypertext-/Multimedia-Thema, allerdings ging die Arbeit nicht so recht voran, da ich die Verwaltung des Studienzentrums weitaus spannender fand (Schreiben von Studien- und Prüfungsordnungen, von Richtlinien für diverses, Projektanträgen für Drittmittel und so weiter). Deswegen entschied ich mich schweren Herzens nach zweieinhalb Jahren, mich bei der WEB.DE AG als “Personalreferent IT” zu bewerben. Der Rest ist eine andere Geschichte.
Warum Multimedia als “praxisorientierte Ausbildung mit Nebenfachstatus (PAN)” bei den Geistes- und Sozialwissenschaften? - Nun, die Hauptfähigkeit eines Geisteswissenschaftlers gleich welcher Couleur besteht darin, komplexe Sachverhalte und Datenmengen zu strukturieren und zu ordnen. Genug gesagt?
Heute nun war ich erstmal erfreut, daß alle anwesenden Profs und Assis sich an mich erinnerten, so daß wir schnell in sehr interessanten und fruchtbaren Gesprächen waren (einige meiner eigenen Studis waren ebenfalls da, ich hab ja noch immer jedes Semester nen Lehrauftrag). Ich habe sehr ernstlich vor, mein Promotionsvorhaben nochmal aufzunehmen, vermutlich mit einem anderen, noch nicht so (für mich) verbrannten Thema, wohl aus den Forschungsvorhaben, denen sich Herr Prof. Thum nun zuwenden wird. Das gäbe mir auch den nötigen Termindruck, denn nur für die nächsten zwei Jahre ist gesichert, daß er Dissertationen betreuen kann und wird. Außerdem werde ich ein Projekt in Angriff nehmen, das ich seit 1998 haben will, mich dabei aber immer wieder habe vertrösten lassen, andere würden sich drum kümmern: “Meiner” Fakultät fehlt noch ein Unterstützerverein aka Alumni-Netzwerk. Ich habe mit einigen Anwesenden feste Absprachen getroffen für Anfang 2008. Wollen wir hoffen, daß das gut anläuft.
..ja, war wirklich ein schöner Tag heute. So .. anders ..