
Die
Blogozese ist in Aufruhr, weil angeblich im November Papst Benedikt den alten Meßritus zur allgemeinen Verwendung freigeben wird. Bevor ich mich an Einzeldiskussionen in den dortigen Kommentaren verzettle, hier lieber meine Meinung am Stück (für Nichtkatholiken vermutlich gänzlich uninteressant):
Zunächst mal glaub ich an eine Veränderung bei diesem Thema gerade im deutschsprachigen Raum erst, wenn ich sie sehe. Gerade erst haben die deutschen Bischöfe nach Rom
gemeldet, es gäbe kaum noch Interesse an der Alten Messe. Das ist bei allem geschuldeten Respekt eine beinahe boshaft zu nennende Statistikfälscherei, denn was fast nirgends angeboten wird, kann auch nicht genossen werden. Der verlinkten Formulierung kann man entnehmen, daß es sogar ganze Diözesen ohne entsprechende Angebote gibt, und hier in der Region wurde bspw. erst nach elendem Hickhack damals einmal pro Monat in Heidelberg ein entsprechendes sonntägliches Angebot gewährt - ausdrücklich deswegen eingeschränkt, damit es keinesfalls grundsätzlich anstelle der reformierten Meßordnung genutzt werden könne. Ich verstehe die panische Angst einer gewissen Generation von Priestern und Bischöfen vor der klassischen Liturgie nicht (siehe auch
hier), gebe aber gerne zu, daß auch die “Gegenseite” teilweise gern mal härtere Bandagen anzieht. Es ist ein reichlich unchristliches Gemetzel teilweise, und man möchte sich davon eigentlich abwenden.
Sodann bitte ich in der Diskussion zu differenzieren: Erstensmal geht es nicht um die Zelebrationssprache. Man kann auch die “neue” Messe lateinisch zelebrieren (allerdings die “alte” nur in Teilen auf deutsch), ich hielte das gerade in der Ferienzeit durchaus für erwägenswert zumindest bei gleichbleibenden Teilen. Und es geht nicht um die Errungenschaften des letzten Konzils. Wer die infrage stellt, hat ein ganz anderes Problem mit seiner Kirche - die nächsthöhere Instanz oberhalb eines Konzils ist der Herrgott himself. Es geht einfach “nur” darum, daß es da einen Ritus gab, der durch einen wesentlich vereinfachten Ritus ersetzt wurde. Und es gibt Menschen, die sich die Gelegenheit wünschen, Gottesdienste im klassischen komplexeren Ritus feiern zu dürfen. Ohne deswegen ausgegrenzt zu werden oder sich selbst auszugrenzen aus ihren Pfarrgemeinden.
Der reformierte Ritus hat eine ganze Reihe von unleugbaren Vorteilen. Er ist in weiten Teilen verständlich ohne zusätzlichen Informationsaufwand. Während mein Gesangbuch aus der Nachkriegszeit noch vier Andachten nennt, die man als Laie während der Messe beten könne (nur eine davon folgt dem Ablauf der Meßfeier) und die Schellen der Ministranten teilweise die einzige Synchronisationspunkte der Gebete der Gläubigen mit dem Vollzug des Priesters waren, kann man wohl heute davon ausgehen, daß jeder, der auch nur halbwegs wach und bei der Sache ist, sich geistig im Gleichklang zu den Gebeten des Priesters befindet.
So. Und nun wird’s unangenehm. Denn dabei haben es viele Priester bzw. Gemeinden nicht belassen, sondern was da mal in Bewegung gekommen ist, das bremst sich erst jenseits der Idealposition wieder ab. Wenn der Priester die Messe “liest” aus dem Meßbuch - also tausendmal gehörte Texte, die man im Schlaf mitvollziehen kann -, kann ich meinen Gedanken nachhängen und bei Gott verweilen im Gebet. Wenn er aber anfängt, frei zu improvisieren, dann muß ich wie ein Luchs aufpassen, um ihm folgen zu können und zu wissen, wo wir grade sind und ob das, was er da sagt, meine innere Zustimmung findet. (Erschwerend kommt hinzu, daß die allerwenigsten Priester auch nur ansatzweise zum Dichter geboren sind, was sich oft sehr negativ auf die sprachliche Höhe ihrer Improvisation auswirkt.) Das raubt mir die Andacht. Wir hatten mal einen TiG (“Theologe im Gemeindejahr” - Priesteramtskandidat kurz vor der Weihe zum Diakon), der erzählte, man habe ihm in seiner Ausbildung beigebracht, das beste Hochgebet sei ein selbstgestaltetes, ein “authentisches”. Der gleiche TiG war übrigens sehr erstaunt, als auf seine Frage, welcher Teil der Messe denn der unangenehmste sei, gerade die jüngeren Ministranten einhellig die Fürbitten nannten, weil man sich die immer ausdenken müsse.
Diese mangelnde Ehrfurcht vor den gegebenen Texten führt dann auch zu den von mir ganz besonders wenig gemochten Dauerpredigern: Priester, die während der Messe jeden Handgriff deuten und interpretieren. Vor einem Publikum, daß überwiegend seit Jahrzehnten Messen besucht... Der nächste Schritt auf der absteigenden Ehrfurchtsleiter ist dann das Ringelpienz mit Anfassen rund um den Altar, die mutwillige Beugung des Meßablaufs zugunsten irgendeiner Aussage (“heute predige ich mal vor den Lesungen, damit Sie dann die Lesung besser verstehen”) und die Abschaffung liturgischer Komponenten wie etwa des Kniens, des Weihrauchs, des Taufgedächtnisses oder der Ministranten. Allgemein verbreitet im deutschen Sprachraum ist ja der Verzicht auf eine der Lesungen. Vom Traum einer weltweit einheitlichen Liturgie sind wir weit entfernt, und das noch am allerwenigsten wegen der Volkssprachen.
All diesen Kinderfasching hat man nicht, wenn man tridentinisch feiert. Der Priester trennt strikt zwischen den heiligen, durch ihn nicht veränderbaren Texten und seiner Predigt (zu der er das Meßgewand ablegt und den Chorraum verlässt). Dazu kommt obendrauf, daß wie gesagt die klassische Liturgie wesentlich komplexer ist. Für den Gelegenheitsbesucher vielleicht ein Problem, weil er anfangs kaum hinterherkommen wird beim Mitvollzug, aber für den regelmäßigen Kirchgänger ein desto “saftigeres” Vergnügen. Um mich zu wiederholen: Ich halte die reformierte Liturgie, anständig vollzogen, für angemessen für die meisten Situationen. Es wird eine Minderheit sein und bleiben, die gerne darüberhinaus Gelegenheit hätte, klassische Messen mitzufeiern. Das sollte dieser Minderheit aber bitteschön gewährt werden, möglichst in jedem Dekanat. Genauso, wie es Jugendgottesdienste, ökumenische Gottesdienste, diverse Andachtsformen, Weltgebetstage der Frauen und so weiter gibt. Die Kirche ist vielfältig und bunt, und ich versteh die oben erwähnten geradezu panischen Reaktionen bestimmter Kleriker an diesem Punkt nicht. Umgekehrt sollte sich natürlich niemand einbilden, der eine Meßtypus sei dem anderen in irgendeiner Form religiös überlegen.
Abschließend teile ich die bereits andernorts geäußerte Hoffnung, daß, wenn in das Thema Bewegung kommt, endlich der Heiligenkalender der klassischen Liturgie auf Vordermann gebracht und für die neuen Heiligen passende Meßtexte verfasst werden mögen. Ein Abgleich der Lesungstexte mit der aktuellen Vulgata, und als Sahnehäubchen ein neuer “Schott” mit Formulierungen der Einheitsübersetzung.