
Das Thema ist zwar schon einige Wochen in allen Medien, aber für die weniger kulturbeflissenen oder weniger regional orientierten unter meinen Lesern hier nochmal kurz zusammengefasst: Der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 veränderte das Land Baden nachhaltig, da es sich die Besitztümer der Kirche einverleiben konnte. Und zwar nicht nur den Grund und Boden - Baden verdoppelte seine Fläche ungefähr -, sondern auch die Gebäude und sonstigen Besitztümer, etwa die Klosterbibliotheken. Praktisch alle Klöster wurden zwangsweise aufgelöst. Über diesen Vorgang an sich könnte man schon tagelang bloggen, aber für jetzt ist nur entscheidend, daß dabei über Jahrhunderte gewachsene, geordnete und genutzte Bibliotheken aufgelöst wurden. Da man für alte Bücher nicht arg viel übrig hatte, landeten sie meistens in irgendwelchen obskuren Kellerarchiven, wenn sie nicht verscherbelt wurden. Das Land Baden bzw. sein Herrscherhaus verleibten damals ihrem Besitz die Bestände von 27 kirchlichen Bibliotheken ein.
Update: Hier kann man online gegen die beabsichtigte Barbarei unterschreiben.
Und damit beginnt das Problem. Denn man sah keinen Grund, zwischen dem Besitz des Herrschers und dem des Staates zu trennen. (Wobei man festhalten kann, daß die Familie derer von Baden nicht sonderlich bibliophil interessiert war und die neuen Bestände von vorneherein, soweit sie überhaupt irgendwen interessierten, wesentlich von Wissenschaftlern und Literaten genutzt wurden. Das war nicht die Gutenachtbibliothek von Prinz Max.) Und auch nach der Abdankung des Hauses Baden 1918 wurde diese Trennung nur bei einigen Objekten (etwa dem Karlsruher Schloß) vollzogen, vieles blieb aber im Graubereich. Die fraglichen Buchbestände zum Beispiel lagern in der
Badischen Landesbibliothek und stellen dort einen international hochangesehenen
Bestand dar. Was eigentlich jeder halbwegs kulturell interessierte Baden-Württemberger wissen kann.
Nicht so unsere aktuelle Regierung. Die meinten allen Ernstes, wesentliche Teile dieses Kulturschatzes verscherbeln zu können, ohne daß es zu einem entsetzten Aufschrei der nationalen und internationalen Germanistik käme. Das Haus Baden möchte nämlich seinen Stammsitz, das Schloß
Salem (eigentlich ein Kloster, aber eben nur bis zum Reichsdeputationshauptschluß), renovieren. Und bietet dem Land an, die leidige Besitzfrage nun ein für allemal zu regeln: Wenn das Land 70 Millionen überweist, verzichtet die Familie unseres früheren Landesherrn auf alle künftigen Rechtsansprüche. Und da das ja auch
nicht das erste Mal wäre, daß wertvollste Buchbestände bei Nacht und Nebel aus dem Land geschafft und in alle Welt versteigert werden, hielten diese unglaublich strunzdummen, antikulturellen, völlig ungebildeten Schwaben, die der Blitz beim Scheißen treffen möge (pardon!) im Stuttgarter Landtag das tatsächlich für einen legitimen Weg. Vielleicht noch erklärend hinzuzufügen: Derart versteigerte Kunstgegenstände landen in aller Regel nicht einfach in einem anderen Museum oder einer anderen Bibliothek, sondern in Privatbesitz, oft anonym. Und sind damit jedenfalls der wissenschaftlichen Arbeit entzogen. (Mir wäre ja egal, wem die Bücher gehören - solange sie der Forschung zugänglich und archivarisch angemessen irgendwo stehen.)
Zu meiner großen Freude setzten sich diesmal die
Medien in Bewegung. Die Buchmesse war natürlich auch ein sehr passender Zeitpunkt für diesen antikulturellen Affront. Selbst die Bundesregierung hat Oettinger mittlerweile
zurückgepfiffen (“In einem Gespräch mit Oettinger am Freitag habe er deutlich gemacht, was auf dem Spiel stehe, sagte [Kulturstaatsminister] Neumann” - das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Herr Oettinger muß man aus Berlin darüber informieren, welche Kulturschätze das von ihm regierte Bundesland beherbergt. Was für ein abscheulich ungebildeter Mensch.)
FAZ,
Zeit,
Welt,
mehr.
Mittlerweile empfehlen Juristen dem Land, es auf einen Rechtsstreit mit dem Haus Baden über die Kulturgüter ankommen zu lassen. Das wäre ja in der Tat der logischste Weg zur Rechtssicherheit anstelle irgendeiner versuchten Mauschelei hinter halbgeschlossenen Türen. Siehe nochmal die
FAZ (PDF) oder auch
hier. Wir erinnern uns: Die fraglichen Bücher sind zusammengeraubt aus Klosterbesitz, nicht etwa die Folgen besonderer persönlicher bibliophiler Neigungen in der Familie. Für die Säkularisationsschäden zahlt übrigens der Staat bis heute an die Kirche. Nicht das Haus Baden, sondern der Staat.
In einer Partei, in der Geistesgrößen* wie Öttinger die deutsche Sprache aus Universität und Arbeitswelt verbannen wollen, damit wir Deutschen in vorauseilender kultureller Gleichschaltung den Anschluss an die Globalisierung nicht verpassen, ist es ve...
Aufgenommen: Okt 11, 23:15
Felix berichtete vor einiger Zeit darüber, Johannes Rux nennt die Vorgänge, die sich im Moment in Baden-Württemberg rund um den geplanten Verkauf verschiedener Kunstgegenstände abspielen, ein “kleines Schauermärchen”. Schön wäre es, wenn e
Aufgenommen: Nov 06, 22:18
Nur kurz mein Kommentar dazu: Leider gelang es nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes nicht, in Positionen mit Vorbildfunktion nur Menschen aus dem aktiven Widerstand zu berufen. Unter anderem, weil man ja noch ein bißchen mehr Eignung als nur die Widersta
Aufgenommen: Apr 15, 12:15
Nein, ich werd jetzt nicht regelmäßig zu S21 bloggen. Wie gesagt ist mir eigentlich ja egal, was aus dem Bahnhof wird. Aber schon das Wort “Bürgerbeteiligung” ist ganz einfach einer Demokratie unwürdig. Es ist das Wesen einer Volksherrschaft,
Aufgenommen: Okt 23, 22:01