
Ende Dezember war ich zuletzt beim Friseur. Und hätte ich mir nicht an einem der letzten Tage im Pfaffareal meinen Kopf an der Löschanlage blutiggestoßen (im Lager unter’m Dach an der Schräge), dann wäre ich vor einigen Wochen wieder dort gewesen. So mußte das bis gestern warten. Für eilige Leser: Probiert “Men’s World” in der Pfinztalstr. 71. Unbedingt empfehlenswert.
Langfassung: Friseure/Friseusen und ich, das ist so ein Thema (sorry Sasha, Du bist nicht gemeint). Mit meiner Frisur bin ich chronisch unzufrieden, mir fällt aber auch selten was dazu ein. Also bin ich die letzten Schuljahre (sprich: so ca. 1988-1991) immer erst, wenn die Haare schon recht lang waren, zum Friseur, jedesmal zu einem/r anderen. Und hab jedesmal gesagt, sie sollten mir eine Frisur verpassen, die mir steht. Einzige Randbedingung: Sie muß morgens zügig wiederherstellbar sein. Man möchte meinen, das sei eine willkommene Einladung für Menschen, die einen solch kreativen Beruf ausüben. Fehlanzeige. Ich kam jedesmal so wieder raus, wie ich reinging, nur eben die Haare etwas kürzer. Nur ein einziges Mal meinte eine kesse Auszubildende, wenn sie mir wirklich schneiden dürfe, was sie wolle, dann gäbe sie mir ein Tuch zum Polieren dazu. Da war ich dann zugegebenermaßen etwas feig, zumal ich bei uns an der Schule eh im Geruch erzkonservativer politischer Ansichten stand. Daraufhin griff ich dann zum Barttrimmer und schnitt mir über zehn Jahre die Haare selbst. Und zwar nicht immer nur “alles kurz” (wenn auch fast immer), sondern auch mal vorne eine Strähne stehengelassen und gefärbt oder länger und eingerollt im Prinz-Eisenherz- bzw. Mireille-Mathieu-Stil (davon gibt es meines Wissens zum Glück nur ein einziges Beweisphoto, auf dem ich auch nur von der Seite zu sehen bin. Und das ist inkl. Negativ in meinem Besitz), oder hinten mit einer Stufe drin (was, wenn man sich selbst die Haare schneidet, recht spannend sein kann). Erst in den letzten Jahren (ich glaub, das fing an, als ich Personalreferent war) bin ich wieder zum Friseur.


Dort, wo ich mein erstes und einziges Bewerbungsphoto machen ließ, ist nun ein Friseur drin: An der Ecke Amalienbad- und Pfinztalstraße. Ein Herrenfriseur, um genau zu sein (ich wußte garnicht, daß es sowas noch gibt). Den Ausschlag für meinen Besuch gaben die Öffnungszeiten verbunden mit der Tatsache, daß man sich nicht anmelden muß. Rechts “seine” Öffnungszeiten und links zum Vergleich die der lokalen Postfiliale - noch jemand Fragen, warum der Mittelstand die Welt rettet? Die Postler sind offensichtlich nicht am Gewinn ihres Ladens beteiligt/interessiert... Selbst wenn man nebendran arbeitet, ist es ein Glücksspiel, da mal während der Öffnungszeiten reinzukommen.
Anders also mein neuer Friseur. Ich betrete den Laden, außer mir ist nur eine junge Dame anwesend, die mir prompt etwas zu Trinken anbietet und dann eilfertig zum Telephon greift und den ebenfalls recht jungen mutmaßlich türkischen Meister herbeiruft. Er kommt binnen weniger Minuten (wohnt vielleicht gegenüber oder hat grade mittaggemacht), bietet mir seinerseits etwas zu Trinken an und führt mich zum Frisierstuhl. Mein Standardspruch (“Ohren frei, ansonsten ganz wie’s passt”), er knöpft mir noch einen Hemdknopf auf, krempelt meinen Kragen kräftig um und hängt mir eine Kutte um den Hals. Ein bißchen Wassergesprüh und los geht das Geschnippel. Ich rätsle schon, ob ich versehentlich den ersten Trockenschnitt seit bestimmt zwanzig Jahren bekomme, aber später wäscht er dann die Haare. Danach bekomme ich etwas überraschend Papierknöllchen in die Ohren, bevor er mir irgendwas in die Haare massiert und ich anschließend geföhnt werde. Noch überraschender wird plötzlich beidhändig mein Gesicht durchgeknetet, ebenfalls mir irgendwas, was jedenfalls gut riecht und meiner Haut gutzutun scheint. Ach ja, außer den Haaren in den Ohren werden auch die einzelnen überlangen Augenbrauenhaare getrimmt - letzteres ist so ein bißchen eine Nagelprobe, vielen Friseuren ist alles, was nicht zum Haupthaar gehört, völlig egal, einige entfernen die einzelnen überlangen Haare, dieser nun hat die ganzen Augenbrauen mit seinem Messerchen regelrecht in Form zu bringen versucht. Überhaupt wechselt er fliegend zwischen Schere, Rasierer und Messer hin und her (laut Preisliste bietet er übrigens auch Bartnaßschnitt), und am Ende fühle ich mich wie ein neuer Mensch. Selbstverständlich hilft er mir in den Mantel - übrigens bevor ich den Geldbeutel zücken kann. 17,50 plus Trinkgeld liegt im normalen Durlacher Rahmen für einen Herrenschnitt, dafür bot er aber exorbitante Leistung. Am Morgen drauf dann die übliche Probe: Wie sieht die Frisur nach der ersten Wäsche aus? - Ich kann nicht klagen, auch ohne Hilfsmittelchen (nur waschen und mit dem Handtuch trockenrubbeln) seh ich aus wie frisch vom Friseur. Ich bin hochzufrieden. Und gelobe, künftig regelmäßiger zum Friseur zu gehen.
Leider sind Friseur- und Schuhläden sozusagen die Durlacher Handyshops, was ihre Häufigkeit rund um die Pfinztalstraße angeht. Ich hoffe aber, daß “meiner” sich halten kann. Da er direkt am
Türkischen Eck liegt, hat er wohl Chancen auf Stammpublikum aus den Reihen seiner Landsleute. Und wenn ComBOTS die Telekommunikationsweltherrschaft errungen hat, werden die ja sicher auch gerne vor der Arbeit bei ihm vorbeigehen (und Barbershoplieder singen...).
Hier nochmal die Adresse:
Men’s World
Kemal Sahin
Pfinztalstr. 71
76227 Karlsruhe
Ich hab ja mal meinem Ärger über Hermes luftgemacht. Die Kommentare sind beeindruckend: Mittlerweile sind schon drei Hermes-Mitarbeiter für ihren Arbeitgeber in die Bresche gesprungen. Respekt. Schon das relativiert meine Meinung über diesen Dienstleister
Aufgenommen: Mai 18, 21:09