Sprechen für’s Radio

Ich mache seit über 20 Jahren Radio, erst beim Uniradio, später beim Querfunk, einige Zeit auch einen täglichen kurzen Podcast. Und möchte hier einige Erfahrungen weitergeben. So ein Blogbeitrag ersetzt natürlich nicht die entsprechende Literatur und geeignete Workshops, und ich will mich auch bewußt auf einige wenige Aspekte beschränken. Aber vielleicht nutzt’s ja doch dem einen oder anderen. Ich schreib jetzt hier diesmal nichts zur Tontechnik und auch nichts zu den Inhalten. Daß einem Sprachgewandtheit und große Konzentration/Aufmerksamkeit hilft dürfte klar sein. Ich kriege einen richtigen Adrenalin-Kick, wenn die Studiolampe angeht und signalisiert, daß mein Mikrophon jetzt offen ist. Das ist, wie wenn man eine Bühne betritt – Showtime! (Deshalb liebe ich Livesendungen. Podcasts oder vorproduzierte Radiosendungen sind für mich immer irgendwie zweite Wahl, obwohl man die natürlich auch „am Stück“ produzieren kann wie eine Livesendung. Aber man hat halt immer noch die theoretische Option, abzubrechen und neu anzusetzen.) Aber genug der Vorrede:

Trivialerweise sieht Dein Hörer Dich nicht. Das bedeutet, daß er nur das mitbekommt, was Du mit Deiner Stimme übermittelst. Hochgezogene Augenbrauen, Lächeln, Gestikulieren usw. – diese Kanäle stehen Dir nicht zur Verfügung. Das ist vor allem wichtig, wenn man mehrere Menschen im Studio hat. Die fangen dann gerne an, mit Blicken und Körpersprache zu kommunizieren, aber so funktioniert Radio eben nicht. So entstehen nur Leerräume, Lücken im Fluß der Sendung. Es muß alles in Sprache gebracht werden. Also nicht den anderen auffordernd anschauen, sondern fragen „kannst Du dazu noch etwas sagen“. Selbst bei einem Defekt im Studio: Immer mitkommentieren. Wie bei einer Fußballübertragung. Der Hörer will unterhalten werden, er will keine Stille oder unverständliches Gerausche und Gemurmel.

Das bedeutet aber nicht, daß man Radio machen könnte ohne Körpersprache. Jeder Callcenter-Mitarbeiter weiß: Der Gesprächspartner auf der anderen Seite „hört“ die eigene Körperhaltung. Er hört, ob man chillig-gemütlich auf dem Bürostuhl fläzt oder dienstbeflissen „Gewehr bei Fuß“ ist. Meine Radiomoderationen sind dann am besten, wenn ich dabei unbewußt anfange, zu gestikulieren. Obwohl es niemand sieht. Obwohl dabei mein Mund (meist) eine konstante Position relativ zum Mikro hält und ich nur den Rest des Körpers frei bewegen kann.

Anders als auf einer Bühne bekommst Du auch nichts zurück. (Ja, auch auf der Bühne oder im Hörsaal sieht man je nach Lichtverhältnissen sein Publikum nicht, aber man hört es doch wenigstens.) Hier mußt Du Dir Dein Publikum denken. Das bedeutet im Guten, daß es Dich nicht auflaufen lassen kann. Es bedeutet aber auch, daß Du damit leben mußt, null direkte Interaktion zu haben, null direktes Feedback.

Überlege Dir vorher, was Du sagen willst. Du kannst davon abweichen, aber Du stehst wenigstens nicht „leer“ da. Denkpausen, lange „äh“s, geschwurbelte Verlegenheitsformulierungen zur Zeitüberbrückung sind Abschaltgaranten. Ich schreibe jetzt hier nichts über den Aufbau bspw. eines Interviews. Aber: Sorg dafür, daß Deine Gesprächspartner etwas sagen. Offene Fragen und unbedingt Fragen, die sofort verständlich sind und auf die dem Gegenüber eine Antwort einfällt. Bißchen Provokation zum Beispiel kann gut sein, kann aber auch voll in die Hose gehen, wenn der Gegenüber sich dann erstmal ne Minute sortiert, wie er darauf jetzt am besten antworten soll. Das ginge vielleicht im Fernsehen oder auf einer Bühne, aber es geht nicht im Radio, weil es Schweigen bedeutet – und Stille ist der Tod der Unterhaltung. Es reicht ja nicht, wenn der Hörer nach der Sendung Dich für geistreich hält, er soll ja gerne wieder einschalten. (Ich spreche übrigens mit Studiogästen immer vorher ab, ob es Tabuthemen gibt.) Unter Radioleuten ist das natürlich unkritisch, denn die schweigen dann ja nicht, sondern geben wieder den Fußballkommentator, während sie selbst ihre Antwort überlegen – „also da hast Du mich jetzt kalt erwischt, da muß ich grad kurz nachdenken, wie ich das am besten – ich nehm jetzt grad erstmal nen Schluck, ja Prost, dabei denkt es sich besser, und gleich – ah, ich hab’s, so wirst auch Du es verstehen, Moment, also nehmen wir an…“ Hauptsache, es entsteht niemals Stille. Es muß immer irgendetwas gesprochen werden, etwas für den Hörer rumkommen.

Ich formuliere meine Texte manchmal vorher komplett aus, je nach Charakter der Sendung, gerade wenn ich selbst Inhalte transportieren und nicht nur moderieren will. Dabei denke ich mir die Sätze so, wie ich sie reden würde und schreibe sie dann nieder. Ohne Rücksicht auf die Grammatik. Man spricht anders, als man schreibt. Komplizierterer Satzbau geht nicht, da verlierst Du den Hörer. Wenn Du Dich bspw. auf ein Substantiv „von weiter vorne“ beziehst, dann nenne es nochmal. Auch, wenn das geschrieben schlechter Stil oder sogar völlig kaputte Grammatik wäre. Eine Übung kann sein: Sprich frei zu einem Thema, zu dem Du das kannst, und schneide das mit und transkribiere das anschließend. Und staune über Deine eigene miese (oder interessante) Grammatik. Auf jeden Fall darfst Du beim Vorlesen Deiner Texte nicht klingen als würdest Du einen Text vorlesen (es sei denn, Du willst genau diesen Stil). Eine Predigt in der Kirche klingt völlig anders als die Lesungen, jedenfalls wenn der Prediger sein Handwerk beherrscht. Eine „Vorlesung“ ermüdet und klingt viel weniger interessant und lebendig als freie Sprache, selbst wenn die freie Sprache Fake ist und Du alles vorher aufgeschrieben hast.

Natürlich solltest Du flüssig lesen können, auch Fremdwörter oder längere Wörter (die deutsche Sprache ist hier bekanntlich sehr reich). Ich werde nie vergessen, wie bei einem Lernradio eine Volontärin versuchte, in den Nachrichten darüber zu informieren, daß in Mexiko die Partei der institutionalisierten Revolution abgewählt worden sei. Nach drei erfolglosen Anläufen brach sie ab und meinte „also da hat die Regierung gewechselt.“ Es gibt Tricks… Ich schreibe mir ein Ausrufezeichen vor schwierige Wörter oder vor Wörter, bei denen ich das Risiko sehe, daß ich sie im Text falsch betone und so den Sinn verändere. Ich bin halt ein Tastaturmensch. Andere drucken den Text aus und malen sich entsprechende Markierungen und Akzente in den Text hinein. Unser früherer Pfarrer formulierte seine Predigten aus, sprach sie aber frei. Er kennzeichnete sich mit dem Textmarker markante Stichwörter als „Einsprungstellen“, an denen er flüssig aus der freien Rede wieder in den Text gelangen konnte. Tja, und so oder so wirst Du lernen müssen, vorausschauend zu lesen, mit den Augen schon weiter zu sein als mit dem Mund.

Radio machst Du gegen die Uhr. Nach Dir kommt ja die nächste Sendung, anders als bei den meisten Podcasts hast Du sehr präzise Vorgaben, bis wann Du fertig sein mußt. Und umgekehrt: Bis wann Du etwas zu sagen haben solltest. Schon das bringt zwangsläufig etwas Dynamik in den Ablauf – oder weißt Du exakt, wie lange Du für das Sprechen des Textes von einem A4-Blatt benötigst? Ich versuche, während ich schon den letzten Text spreche zu schauen, wie lange das letzte Musikstück ist (dazu den CD-Player/Winamp/… immer auf runterzählende Zeit einstellen) und rechne während des Redens aus, wann exakt ich fertig sein muß, damit das Stück genau ausgespielt werden kann. Das ist aber möglicherweise so eine Art von Sport, die man erst anfängt, wenn man das ein paar Jahre macht.

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Ein Kommentar zu Sprechen für’s Radio

  1. bk sagt:

    Sehr instruktiv! Sollten sich mal manche zu Herzen nehmen.

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