Hochschultypen

Zwar sind, unter anderem durch die Umstellung auf Bachelor, die verschiedenen Hochschulformen dichter aneinander gerückt (was ich nicht für gut halte), aber dennoch gibt es speziell zwischen der Universität auf der einen Seite und den angewandten Hochschulen (Ex-FH, duale Hochschule etc.) ziemlich grundlegende Wesensunterschiede. Ich illustriere das jetzt aus Zeiten von Diplom, Magister und Staatsexamen (und ggf. sogar grundständiger Promotion), weil es da noch plakativer war, es hat sich aber auch heute nur graduell einander angenähert. So mühen sich einige angewandte Hochschulen um ein Promotionsrecht, und Studenten der DHBW publizierten einen Fachaufsatz, für die sie von der UCLA nach Indien zu einer Tagung eingeladen werden. Auf der anderen Seite interessieren sich auch Universitäten mittlerweile für die didaktische Kompetenz ihrer Dozenten.

Bei einem Studium an einer Universität geht es primär um das Fach selbst sowie um den Wissenschaftsbetrieb und die damit verbundenen „Softskills“ wie längerfristige Selbstorganisation und eigenständigen Wissenserwerb. Die wenigsten, die Physik, Mathematik oder Philosophie studieren, werden anschließend als Physiker, Mathematiker oder gar Philosophen arbeiten. Sie haben das Fach studiert aus Neugierde auf das Fach, nicht um einen Beruf zu erlernen. Im Karlsruher universitären Informatikstudium der 90er gab es genau zwei Übungen zum Thema „Programmieren“, einmal Pascal (oder eine andere praxisferne Unterrichts-Hochsprache) und einmal Assembler, jeweils 90 Minuten pro Woche ein Semester lang – also ungefähr wie ein Nebenfach in der Schule, das nur ein halbes Jahr unterrichtet wird. Ziel ist am ehesten, daß man danach den Pseudocode versteht, der in Vorlesungen über Algorithmen und Datenstrukturen benutzt wird. Ziel ist definitiv nicht, Software-Entwickler zu qualifizieren. Wer Programmierer werden will, der muß sich dieses Wissen neben oder nach dem Studium aneignen. Auch Gymnasiallehrer bekommen ihre pädagogische Ausbildung erst im Referendariat, mein Studium sah damals nur zwei Pädagogikveranstaltungen vor (und in denen ging es um Platon, nicht um heutige Jugendliche). Für Journalisten ist ein Volontariat selbstverständlich, und auch Bibliothekare oder Archivare lernen ihr praktisches Handwerkszeug nicht im Magisterstudium. Wohl lernen sie dort, Wissen zielgruppengerecht zu strukturieren und aufzubereiten. – Allen diesen Menschen muß man natürlich raten, Praxis schon vor oder spätestens während des Studiums zu erwerben. Weil sich ja doch irgendwann die Frage stellt, was man nach dem Studium tun wird.

Am Ende meines Lehramtsstudiums stand „die“ Examensprüfung, in Deutsch schriftlich und mündlich, in Mathematik nur mündlich. Diese Prüfungen allein ergaben die Noten, die im Examenszeugnis stehen. Ich benannte vorher je vier Themengebiete, die gewissen Rahmenbedingungen genügen mußten, insbesondere was ihre fachliche Spreizung anging, und dann wurde ich eben von zwei Lehrstuhlinhabern und einem Vertreter des Landeslehrerprüfungsamtes unter Beschuß genummen. (Beispiel Deutsch: „Arthur Schnitzler“ (Autor), „Lyrik des Mittelalters“ (Epoche), „Kalendergschichten“ (Gattung) und „Fachsprachen am Beispiel der Mathematik“ (Sprachwiss.).) Dabei konnte ich selbst entscheiden, wann ich mich prüfungsreif fühlte für jedes Fach – nach frühestens acht Semestern, ich hätte aber auch 20 oder länger studieren können, und das kam auch durchaus vor, gerade bei Studis, die durch Jobben wirtschaftlich unabhängig waren, dafür aber weniger Zeit für das Studium hatten. Wie gesagt, hier hat sich durch die Bachelorumstellung einiges geändert, aber die Grundaufstellung einer Unversität ist heute noch so.

Die Universitätsprofessoren betrachten sich wesentlich als Forscher, die eben nebenher auch einige wenige Stunden Unterricht geben müssen. „Zu meiner Zeit“ las der Professor dazu meistens lustlos aus einem von ihm verfassten Buch vor (inkl. Witzen und Abschweifungen an der Stelle, an der sie im Buch stehen), das er der geneigten Hörerschaft zur Anschaffung empfohlen hatte – wenn man das tat, konnte man auch zuhause lernen (was ich tat) statt im Hörsaal mit mehreren hundert Mitstudierenden. Die Mathematiker übertrugen die Beweise immerhin aus dem Buch an die Tafel, die Germanisten lasen dafür gerne auch mal aus Bücher vor, die noch nicht erhältlich waren. Bei der Besetzung von Professuren ist die Forschungsleistung, das Renommée in der Fachwelt wesentlich entscheidender als die didaktische Aufbereitung irgendeines Lernstoffs. Die lehrreichsten Veranstaltungen waren eigentlich die Übungen (durch Doktoranden) und Seminare (durch akademische Räte und Privatdozenten). Dennoch wählen ein Teil der Studis spätestens für die zweite Studienhälfte ihre Universität nach den dort lehrenden Professoren, nach den dort vertretenen „Schulen“ und eben dem Renommée der Fakultät oder einzelner Institute.

Für den eigentlichen Anspruch, angehende Wissenschaftler zu qualifizieren, die nach Promotion und Habilitation irgendwann, meist mit über 40 Jahren mal einen eigenen Lehrstuhl besetzen oder an einer Forschungseinrichtung arbeiten, sind die Universitäten viel zu groß. Weil viele denken, dort auf ein praktisches Berufsleben vorbereitet zu werden. Das ist aber, wie gesagt, nicht der Sinn einer Universität. Wer das möchte, der ist an einer angewandten Hochschule, sei es eine Hochschule für Technik und Wirtschaft, sei es eine duale Hochschule, sehr viel besser aufgehoben. Denn diese Hochschulen orientieren sich an den Bedürfnissen der Unternehmen, bilden darauf hin aus und sind dann (zurecht) stolz, wenn ihre Absolventen nahtlos eine Stelle finden. Das Studium hat fachliche Tiefe, aber eben auch Bezug auf die praktische Anwendung im Berufsleben. An eine Uni gehört, wer sich für ein Fach „an sich“ interessiert, an eine angewandte Hochschule, wer ein Tätigkeitsfeld lernen möchte, zugespitzt formuliert. (Nochmal: Wie eingangs gesagt gibt es da Bewegungen aufeinander zu, und es gibt auch bspw. Berufe wie in der Medizin oder Juristerei, die man derzeit nur an Universitäten studieren kann. Ich habe hier ganz bewußt das Universitätsstudium in „nicht-angewandten“ Fächern in den 90ern beschrieben, um meine Kernaussage zu illustrieren, daß die Hochschulformen sich unterscheiden. Was ja eigentlich erwartbar ist, sonst könnte man die Einrichtungen in Karslruhe auch einfach „HSKA1“, „HSKA2“, „HSKA3“ und so weiter nennen und die Studis per Los zuteilen.)

Seit der Umstellung auf Bachelor empfehle ich übrigens in nahezu jedem Fall ein Studium an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (wenn es das gewünschte Fach dort gibt), da die DHBW unter den international vorgegebenen Rahmenbedingungen eines Bachelorstudiums das meiner Meinung nach vernünftigste Modell entwickelt hat. Und unbedingt empfehle ich, sich die Modulbeschreibungen verschiedener Hochschultypen nebeneinander zu legen und zu vergleichen vor der Hochschulwahl.

Warum ich diesen Beitrag schreibe (und damit viele von Euch ermüde, die das alles aus eigener Anschauung wissen)? Weil ab und zu einzelne Studis, in meinem Umfeld speziell duale BWL-Studis aus Mannheim, ihre Hochschule als „Universität“ bezeichnen in offensichtlicher Unkenntnis der grundlegenden Wesensunterschiede der Einrichtungen. Bei den dualen Wirtschaftsinformatikern in Karlsruhe gibt es Dozenten, die ihren Kurs mal für einen Tag mitnehmen an die vormalige Universität Karlsruhe (heute KIT), einfach damit sie den Unterschied sehen und dann dankbar zurückgehen an die DHBW. (Nachdem gestern ein Bubi per falschverstandenem Screenshot von duden.de den Beweis führen wollte, „Universität“ und „Hochschule“ seinen gleichbedeutende, austauschbare Begriffe, wünsche ich ihm im speziellen, daß er, wenn er mal auf einer weiterführenden Schule ist, sich für den inhaltlichen und methodischen Stuß schämt, den er da im Netz hinterlassen hat. Das aber nur am Rande.)

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