Handys im Unterricht?

Da ich ja beruflich mit Jugendlichen arbeite und mit einem knappen Dutzend Berufsschulen zu tun habe, erlaube ich mir jetzt auch mal, zum Handyverbot/Handyeinsatz in der Schule Position zu beziehen.

Fraglos machen Kinder und Jugendliche Schabernack unter dem Pult, schon immer. Wir haben damals in den hinteren Reihen (wir waren 32 Schüler in der Klasse) Skat gespielt, Faserstifte zu Blasrohren umgebaut und nasse Papierkügelchen verschossen, Klassenkameraden mit Taschenspiegeln geblendet und uns bei besonders trägen Lehrern sogar mit Holzlinealen regelrechte Schwertkämpfe (sitzend, in Ausnahmefällen aber auch stehend) geliefert. Nicht zu vergessen die ungezählten Briefchen, die durchgereicht wurden, die Bravos und Tramp-Büchlein, die unter dem Pult gelesen wurden oder die Disketten, die wir tauschten (Internet gab’s ja noch nicht). Auch mit Murmeln und sogar mit Feuerzeugen kann man Spaß haben, während vorne der Unterricht abläuft.

Ebenso fraglos ist es die Aufgabe des Lehrers, das nach Kräften zu unterbinden und die Tatwerkzeuge zu konfiszieren, so er ihrer habhaft werden kann.

Nun gibt es leider auch schlecht erzogene Kinder und Jugendliche, die die rechte Grenze nicht kennen (über deren Verlauf man natürlich immer streiten kann, aber „irgendwo ist schluß“). So weiß ich von Pfadfindertrupps, die zu Beginn ihrer Treffen die Handys einsammeln, weil Kameraden so unanständig sind, mitten in den Treffen an ihre Handys zu gehen oder eben damit herumzuspielen. Ich habe auch schon Azubis erlebt, die mit mir im Restaurant essen waren und sich dabei nicht entblödeten, nebenher Anrufe anzunehmen. Ich habe aber auch schon Erwachsene erlebt, die sogar ausgehende Anrufe tätigen an ihrem Tisch sitzend selbst in gehobener Gastronomie. Und in jeder Straßenbahn kann man erleben, wie panisch sehr viele Menschen jeden Alters auf ein „irgendwo“ vibrierendes oder klingelndes Handy reagieren. Als wär es so schlimm, nicht dranzugehen und den Anrufer auf den Anrufbeantworter sprechen zu lassen.

In Marcel Pagnols wunderbaren Büchern über seine Kindheit in der Provence schildert er, wie um das Jahr 1900 seinem reichen Onkel geraten wurde, sich so einen neumodischen Telephonapparat an die Wand hängen zu lassen. Und wie dieser entrüstet ablehnte: „Ich habe Jahrzehnte hart gearbeitet, um nach anderen klingeln zu können. Ich werde mir sicher kein Gerät kaufen, das nach mir klingelt.“

Wir sehen also schonmal als erstes Zwischenergebnis: Erziehung zum rechten Handygebrauch ist nötig, und wie oft bei Neuerungen fehlt hier (meiner Meinung nach) weiten Teilen der Bevölkerung noch ein sinnvoller, stimmiger Comment, der das Neue gut in das Bestehende integriert und den Umgang damit regelt. (Ich hab sogar mal erlebt, daß ein Handy in der Kirche ging und seine Trägerin tatsächlich kurz dranging mit den Worten „ich ruf Dich später zurück“, statt den Ruf wegzudrücken.)

Wenn aber die Eltern hier versagen, dann darf die Schule doch erst recht nicht das Thema ausblenden, dann muß eben (mal wieder) der Benimm in der Schule gelernt werden. Konkret: Daß man ein Handy bei sich tragen kann in stummem Zustand. Und wenn ein Handy unterrichtsfremd genutzt wird, dann sollte es eben eingezogen werden wie früher die Blasrohre und Spielkarten, und am Nachmittag tritt der reumütige Schüler an, sitzt seine Strafe ab und bekommt danach das Gerät zurück.

Soviel zur Frage des Störens. Jetzt zur Frage nach dem Sinn. Also erstmal kann man es ja völlig legal in den Pausen, in Freistunden und so weiter privat nutzen, warum denn nicht. (Und wer jetzt jammert, da würden nur Pornofilmchen getauscht und Kameraden gemobbt: Auch hier muß Erziehung erfolgen, keine Frage. Früher haben wir halt fiese Zeichnungen gemacht, die Generation nach uns hat gephotoshopt und das dann ausgedruckt.)

Dann aber kommen wir zum sinnvollen Einsatz.

Und da muß ich wieder etwas ausholen. Ich bin seit 30 Jahren der Meinung, daß man das Zehnfingersystem da lernen sollte, wo man auch das Schreiben mit Stiften lernt, in den ersten zwei Grundschuljahren. Denn an Tastaturen sitzen die Kinder ab dann, und dann verderben sie sich das Tastschreiben, was nur schwer zu beheben ist nachträglich. Wer liest und schreibt, der tippt auch. Jedenfalls in der Welt, in der wir leben.

Ich bin hier sicher ein Extremfall, weil ich meine eigene Sauklaue kaum lesen kann und generell bspw. in Unterricht und Vorlesung nur entweder zuhören oder „mitschreiben“ kann. Meine Notizen aus zwei Jahren Deutsch-Leistungskurs waren zwei beidseitig beschriebene Blätter… Aber: Ich hab nach dem Abitur 1991 nur beim Staatsexamen 1998 nochmal einen mehrseitigen Text von Hand geschrieben. Dennoch mußte ich das 13 Jahre lang einüben, wurde aber bzgl. des Tastschreibens ganz mir selbst überlassen. Obwohl ich das seit 1985 nahezu täglich brauche.

Von daher gehören PCs, Laptops, Tablets oder Smartphones so selbstverständlich in jedes Klassenzimmer, an jeden Schülerschreibtisch, wie sie selbstverständlich in fast jedem Kinderzimmer sind.

Darunter ist das Smartphone am wenigsten hilfreich, weil es zugunsten der Transportabilität über das kleinste Display verfügt. Aber: Noch sind die privaten Smartphones ja leider oft die einzige EDV im Klassenzimmer, peinlich genug. Es sind also zwei Anwendungsfälle zu unterscheiden: 1) Das Smartphone als mobiler Internetzugang, der „am Mann“ getragen wird und 2) das Smartphone als derzeit leider noch erforderlicher Laptop- oder Tabletersatz.

ad 1: Stundenpläne, Vertretungspläne, Gebäudepläne, Notenübersichten (haha), kurzfristige Abstimmung etwa von Arbeitsgemeinschaften und Sportgruppen (Training wo?). Kurzfristige Rückfragen etwa an das Sekretariat (haha).

ad 2: In bestimmten Kontexten eine Mitschreib-Option alternativ zu Heft und Füllfederhalter, eine Recherchemöglichkeit zu gegebenen Themen (das dürfte aktuell der häufigste EDV-Einsatz im Unterricht sein, tlw. verbunden mit der dummen Behauptung, man dürfe Wikipedia pauschal nicht als Quelle nutzen), der Taschenrechner, Openstreetmap und andere, auch thematische Landkarten. Und da hab ich noch nicht von der spezialisierten Lernsoftware angefangen. Mit Kahoot.it kann man zum Beispiel wirklich sehr viel Spaß haben und sehr gut gamifiziert Themen repetieren. Aber es sind auch zum Beispiel dreidimensionale Modelle von Maschinen denkbar, in die man hineingleiten/-zoomen kann oder die man aufklappen kann. Und natürlich animierte oder interaktive mathematische Graphen. Oder mehrsprachige Textausgaben, oder Textausgaben mit Anmerkungen. Um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen, hier kenn ich mich bei den allgemeinbildenden Fächern nicht so aus.

Nochmal: Dieser zweite Punkt wäre mit Laptops oder meinetwegen Tablets besser abgedeckt, aber auch im Jahr 2018 steht auf den meisten Klassenzimmerschreibtischen keinerlei technisches Gerät bereit. Ich kenne sogar Schulen ohne Internetzugang (abgesehen vielleicht vom Sekretariat), da führt ja am Handynetz kein Weg vorbei, wenn man auch nur mal schnell bspw. ne Bibelstelle in der Vulgata nachschauen möchte für eine Argumentation im Religionsunterricht. (Ja, ich Streber hab ne kurze Zeit ein lateinisch-griechisches Neues Testament im Schulranzen gehabt für diesen Zweck. Einfach nur, um Relilehrer ohne ernstnehmbares, vollwertiges Theologiestudium vorzuführen.)

Auch der erste Punkt ist keine Fiktion. Es gibt zwar einerseits wie grade geschrieben sehr EDV-ferne Schulen, aber die meisten der mir bekannten Berufsschulen haben ihre Stundenpläne inklusive tagesaktueller Änderungen online im Web. Mit Login wegen Datenschutz. Wo unsereins in den 80ern noch am Schwarzen Brett nachschauen mußte, ob ein Lehrer krank ist und wie die Schule das löst, da macht man eben heute kurz sein Smartphone an. Wenn man es eben dabei haben darf in der Schule…

Also bitte, liebe Lehrer und Eltern: Willkommen im 21. Jahrhundert. Bleibt nicht hinter den Kindern zurück, gebt Euch Mühe und lernt den Umgang mit den neuen Medien. (Und nein, dazu braucht’s keine aufwendigen Schulungen für die Lehrer. Das ist so selbstverständlicher Teil des Alltags wie Pinkelngehen oder Politiknachrichten verfolgen, das kann man von jedem als Lehrer arbeitenden Menschen erwarten. Die rechnen ja auch nicht mehr in D-Mark oder zeigen Karten mit Ceylon drauf. Und genauso selbstverständlich sollte der Einsatz der EDV in jedem Fach heute sein. So selbstverständlich wie Stifte und Hefte. Stattdessen die Geräte zu verbieten ist einfach nur eine jämmerliche Kapitulation von Menschen, die reif für die Rente sind.)

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Eine Antwort auf Handys im Unterricht?

  1. Gerald Huber sagt:

    „Ich habe Jahrzehnte hart gearbeitet, um nach anderen klingeln zu können. Ich werde mir sicher kein Gerät kaufen, das nach mir klingelt.“

    Bookmarked oder gebookmarked.
    Danke.

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