Wikipedia zitieren

Ich höre ab und zu von Schülern, es gäbe Lehrer, die verbieten, aus der Wikipedia zu zitieren. Das ist so pauschal Quatsch – entweder haben die Lehrer selbst nicht verstanden, wie wissenschaftliches Zitieren funktioniert, oder sie sind vom Internet überrollt worden und zu faul, sich zeitgemäße Aufgabenstellungen zu überlegen. Das letztere wäre dann die Sorte, die am liebsten auch Suchmaschinen verbieten würde, damit die Kinder in die Bibliothek gehen. Nur: Heute ist nicht das Finden eines passenden Textes die Herausforderung, sondern (meistens jedenfalls) das Wegfiltern der nicht passenden. Also müssen auch andere Fertigkeiten erworben werden als früher.

Wie ist das aber nun mit dem Zitieren? Wenn ich eine Behauptung aufstelle, dann muß ich sie beweisen – wenn sie nicht banal ist und ich nicht bei meinen Hörern/Lesern voraussetzen kann, daß ich mir den Beweis sparen kann (klassische Mathematikerformulierungen hier: „wie andernorts gezeigt“, „wie man unschwer erkennt“, „trivialerweise“, „der Beweis sei zur Übung überlassen“).

So ein Beweis kann auf verschiedenen Wegen erfolgen. 1) Der edelste ist logisches Schlußfolgern (wie man es hoffentlich aus dem Mathematikunterricht höherer Klassen kennt). 2) Der hemdsärmligere ist der des Experiments, in den Sozialwissenschaften oder der Betriebswirtschaftswisslehre auch bspw. eine Umfrage. (An einer mir bekannten Hochschule als m. E. reichlich absurde Sonderform auch das „Experteninterview“.) Hier müssen die Rahmenbedingungen so genau beschrieben sein, daß mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ein Leser das Experiment oder die Umfrage wiederholen und dabei zum gleichen Ergebnis kommen kann. Denn es geht ja immer um die Nachvollziehbarkeit des Beweises.

3) ist dann der, wenn man so will, indirekte Beweis: Man führt jemanden als Zeugen an, der den Beweis durchgeführt hat. Das ist der Sinn eines Zitats. Dazu muß man aber bei diesem Jemand nachlesen können, wie der Beweis geht. Weil sonst wäre es eine Frage blinden Vertauens, und nur auf die Autorität eines renommierten Namens sich zu stützen ist zumindest heutzutage nicht mehr akzeptabel. Sprich in der zitierten Quelle muß der Beweis ausgeführt sein. Dabei darf durchaus Rekursion auftreten in der Form, daß die Quelle ihrerseits auf Quellen verweist. Wichtig alleine ist, daß sie keine Behauptungen unbewiesen in den Raum stellt.

So. Damit kann ich nun einen wissenschaftlichen Aufsatz schreiben. Ich kann eine These aufstellen und sie dann beweisen oder widerlegen. Nachvollziehbar für jeden Leser oder Hörer, wenn er genug Zeit und/oder Geld zur Verfügung hat.

Das bedeutet zum Beispiel, daß Einführungswerke in aller Regel nicht geeignet sind, zitiert zu werden, weil sie ihre Aussagen meist selbst nicht belegen. In „Datenbanken für Dummies“ werden vielleicht nützliche Tips gegeben, aber sie werden nicht bewiesen/sauber hergeleitet. Daher kann ich mich darauf auch nicht stützen in einer eigenen Beweisführung.

Die Eingangsfrage nach der Zitierfähigkeit der Wikipedia ist damit im wesentlichen beantwortet: Wenn ein Lemma selbst in diesem Sinne „sauber“ ist, alle aufgestellten Behauptungen bewiesen oder belegt werden (oder wenigstens eine These innerhalb des Artikels), dann kann man das auch überall zitieren. Wenn nicht, dann nicht. Und so, wie man beim Zitat aus der gedruckten Literatur möglichst genau die Auflage etc. angeben muß, damit das Zitat nachvollziehbar bleibt, so muß man bei einer Internetquelle neben dem URL eben auch das Abrufdatum angeben, einige Einrichtungen verlangen, daß man die heruntergeladene Webseite selbst beifügt, um die Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten.

(Leider gibt es übrigens vereinzelt Dozenten für „Wissenschaftliches Arbeiten“, die sich stundenlang mit der Frage „Eckige Klammern oder Fußnoten“ oder der vermeintlichen Notwendigkeit einer bibliographischen Datenbank befassen, die hier skizzierten elementaren Kernüberlegungen zum Wissenschaftlichen Arbeiten aber weglassen. Warum auch immer.)

(Davon völlig losgelöst ist das Zitat aus Primärquellen. Als Germanist zitiere ich zum Beispiel natürlich ständig aus dem Text, über den ich arbeite. Auch hier ist das Zitat nachprüfbar, und auch hier ist es Teil eines Gedankengangs/einer Beweisführung, aber die Anforderungen an den Text selbst sind natürlich „null“, lediglich auf der Metaebene wird von der Edition gefordert, daß sie dem Text gerecht wird und sauber ist.)

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