Bahn im Orkan

Update: Zu meiner u.g. Meldung/Angebot an den DB-Kundenservice vom 18.1. habe ich am 29.1. eine Eingangsbestätigung erhalten verbunden mit der Information, sie sei nun an den Teamleiter des Kundenbetreuers weitergegeben worden.

Bestimmt ist das halbe Netz voll von Reiseberichten von letztem Donnerstag, ich hab nicht geschaut. Aber hier meiner: Ich war am Donnerstag wie gewohnt in Montabaur, und gegen 23:45 war ich wieder zurück in Durlach (statt wie üblich ca. 19:15). Ging also, auch per Nahverkehr. Aber im Detail hab ich schon paar merkwürdige Erfahrungen gemacht.

Die Auskunft versagt ja traditionell, sobald die Last steigt. Ich vermute, daß dann mit vorgerechneten Daten gearbeitet wird – was halt das Gegenteil von sinnvoll ist in Sondersituationen, und genau dann steigt ja die Zahl der Anfragen. Mal bekam man Timeouts, mal „alles im Plan“, mal „Schienenersatzverkehr ist eingerichtet“ und dazwischen natürlich die lustigen „in den Verbindungsdetails steht, daß ein Zug der vorgeschlagenen Verbindung garnicht fährt“. Wohl auch verschiedene Softwareversionen, denn mal wurden Umsteigezeiten angezeigt, mal nicht. Und die Krönung ist beiliegender Screenshot, entstanden wie gesagt am 18.1.2018. Eigentlich sollte man ja meinen, im Cloudzeitalter wäre es trivial möglich, lastabhängig Ressourcen zuzubuchen. Zumal, wenn die Last mit Ansage kommt, denn der Orkan war ja angekündigt.

Nunja, ich nutzte die App, die Webseite, die (meist unbrauchbaren) Bahnsteiganzeigen und -ansagen und den Blick auf’s Gleis. Um 17h ging ich „planmäßig“ zum Bahnhof, da eben die Onlineauskunft weder per App noch per Web irgendwie stabil war. Dort stand dann, daß der Fernverkehr eingestellt sei, und das wurde auch so vielleicht jede halbe Stunde durchgesagt. 17:05 führe aber ein Nehverkehrszug nach Limburg, meinte die Anzeige. Auf den warteten außer mir noch vielleicht 30 Personen, dem Aussehen nach überwiegend Flüchtlinge. Gegen 17:20 erlosch die Anzeige. Die Durchsage plärrte weiterhin nur vom eingestellten Fernverkehr, eine Verspätungs- oder Ausfallanzeige oder einen SEV-Hinweis gab es nicht. Nur erst eine Pünktlichkeit suggerierende Anzeige und dann einen nackten blauen Bildschirm.

Also runter in den Durchgang, zum besetzten DB-Fahrkartenschalter. „Entschuldigung, wie komme ich denn nach Frankfurt?“ – „Da kommen Sie heute garnicht mehr hin, der Zugverkehr ist eingestellt. Und ich hab jetzt dann Feierabend.“ – Danke, sehr hilfreich, wirklich. Finden die 30 Leute oben auf dem Bahnsteig bestimmt auch.

Also raus aus dem Bahnhof. Der Busverkehr läuft normal, aber die Ziele sagen mir alle nichts, also bringt mich das nicht weiter. Im Internet geschaut, daß es in Montabaur noch ein Hotel mit freiem Zimmer gibt, dessen Rezeption bis 20h besetzt ist (das ist auf dem Land keine Selbstverständlichkeit). Geld vom Automaten geholt und im Supermarkt ein Abendessen eingekauft (Bier, Chips und Schokolade). Weil egal ob Hotel oder Heimfahrt via Nahverkehr, der Abend wird lang.

Eine Stunde später, 20 nach sechs, bin ich wieder auf dem Gleis, weil jetzt bald der nächste planmäßige Nahverkehrszug nach Limburg fahren müßte. Diesen einen will ich noch probieren, sonst geht’s in’s Hotel. Bevor das Zimmer weg ist. Der Zug kommt, ich bin der einzige Fahrgast, der Fahrer ist freundlich und richtig überrascht, daß ich mitfahre. Ich habe bißchen Bedenken, ob es ab Limburg weitergeht, weil Limburg ist zwar schonmal größer als Montabaur und daher eher mit Hotels gesegnet, aber ehrlicherweise würde ich mich deutlich besser fühlen, wenn ich es bis Frankfurt schaffen würde.

Klappt aber. Planmäßig fährt ein aus Doppelstockwägen gebildeter Zug pünktlich in Limburg ab. Schon vor dem ersten Zwischenhalt kommt der Schaffner. Ein Typ vielleicht Mitte 20 begrüßt ihn mit „ich hab keine Fahrkarte“. Scheinbar kann er sich auch nicht ausweisen und will auch nicht nachlösen, und der Zugbegleiter möchte ungern den Zug an einem Dorfhalt stoppen, bis die Bundespolizei da ist. Er bietet dem Schwarzfahrer daher an, dort auszusteigen. Der hält davon wenig, dann irgendwo im Nirgendwo zu stehen, und der Konflikt fängt an zu eskalieren. Der Schaffner kommt mir bißchen vor wie jene Sorte von Lehrerinnen, die von Schülern vorgeführt werden. Sowas endet ja meist mit einem Ausraster in irgendeiner Form. Ich bin sehr aufmerksam, ich würde mir doch sehr wünschen, daß der Schwarzfahrer zur Rechenschaft gezogen wird. Nicht zuletzt, weil er zusehends aggressiv wird. So steht er plötzlich auf, stellt sich im Mittelgang direkt vor den Zugbegleiter und sagt „wissen Sie, der Unterschied ist, daß ich Sie umbringen könnte.“ Just in diesem Moment, ich war etwas gedankenlos, öffne ich meine Chipstüte. Zugegeben, das war nicht der Weg, neue Freunde zu gewinnen. Der Flegel rebelliert weiter, es fallen noch Sprüche wie „ich treff Sie mal wieder, dann brech ich Ihnen den Kiefer“. Der Zugbegleiter versichert sich zwar theoretisch der Unterstützung der Mitreisenden, praktisch lässt er den Typen aber gewähren und nimmt, soweit ich das sehen konnte, nur eine Art Protokoll auf und die Kontaktdaten eines Herrn, der auf seiner Seite des Wagens sitzt.

Zwischen mir und ihm war der Schwarzfahrer. Da er außerdem unseren Wagen, zumindest die betroffene obere Etage, während der Fahrt nicht mehr betrat, konnte ich ihm meine bereitgelegte Visitenkarte nicht geben. Ich habe aber während des Vorgangs bißchen auf dem Laptop protokolliert und mich per Kundenserviceformular unter Angabe der Zitate als Zeuge gemeldet. Wenig überraschend, daß dieser erbärmliche Saustall sich bis heute, fünf Tage später, nichtmal mit einer Eingangsbestätigung gemeldet hat. Passt zu meiner unlängst geschilderten Erfahrung, was deren Geschwindigkeit angeht, aber ich wollte mal sehen, ob sie wenigstens flinker sind, wenn eigenes Personal körperlich bedroht wird. Sind sie nicht.

In Frankfurt ging ich am Schwarzfahrer vorbei zum Ausgang. Der war also noch immer im Zug und stieg dann ebenfalls aus. Irgendeine Form von Sicherheitspersonal, Bundespolizei oder DB-Security, war nicht vor Ort. Da er sich ja nicht ausgewiesen hatte, hat die DB nun bestenfalls paar Kameraaufnahmen von ihm. Ich bin ein bißchen sprachlos. Da bedroht jemand einen DB-Mitarbeiter, fährt dann noch eine Stunde schwarz mit dem Zug und steigt anschließend aus. Und dieser Laden lässt sich das gefallen.

In Frankfurt war’s dann noch kurz etwas spannend, weil die Zugführer selbst nicht wußten, welcher Zug am ehesten losfahren dürfen würde, aber letztlich konnte ich über Mannheim und Bruchsal nach Durlach gelangen. Und weil ich mit Ersatzakkus gewappnet bin, konnte ich die Zeit auch sinnvoll nutzen. Überfüllt waren die Züge nicht. 🙂

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2 Antworten auf Bahn im Orkan

  1. Erik Burger sagt:

    Der Artikel spricht mir aus der Seele, da ich die meisten dieser Erfahrungen auch schon gemacht habe. Vor allem aber bei den leeren, dennoch fahrenden Zügen habe ich das Gefühl, das viele Fahrgäste meist zu übervorsichtigen Reaktionen neigen, also lieber gleich daheim bleiben oder Auto fahren, wenn man nur ein bißchen von Komplikationen hört. Wie oft bin ich schon irgendwo hingefahren und hörte dann „Wie, ich dachte, es fahren gar keine Züge“ oder „Kann man da überhaupt mit Bus und Bahn hinfahren?“. Ist aber bei der schlechten Informationslage oft kein Wunder, wenn man nur als langjähriger Bahnkunde mit Insiderwissen weiterkommt.

  2. fpf sagt:

    Frisches Beispiel: Ich sitze grade in einem ICE, der in München beginnt. Wegen „Verspätung aus vorheriger Fahrt“ angeblich mit +25, in Wirklichkeit dank knackigem Neustart ohne Saubermachens nur +15. In Ulm sind es noch +4, und in Stuttgart werden alle Anschlüsse erreicht – während die Auskunft bei der Abfahrt in München noch prophezeite, man käme mit +24 in Stuttgart an, und alle Anschlüsse wären weggefahren (was abends in Stuttgart übel wäre).

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