Sternsinger

Jetzt um Dreikönig sind sie wieder unterwegs – als Heilige Drei Könige verkleidete Kinder und Jugendliche, die Häuser besuchen, ein Lied singen, Sprüchlein aufsagen und Geld einsammeln. Die erfolgreichste jährliche Spendenaktion der Kirche ist zugleich die weltweit größte Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder.

Ich hab das früher auch gemacht. Allerdings war das bei uns etwas größer als in der Pfarrei, in der ich heute lebe, wo nur heute am 6.1. einige Häuser aufgesucht werden…

Wir haben damals nämlich immer die Adresslisten vom Vorjahr genommen und hinten in der Kirche über Advent und Weihnachten nur zusätzliche Adressen erfragt. Runter von den Listen kam man nur, wenn man das adressierte, bspw. wenn uns niemand aufmachte, obwohl Licht brannte oder es uns sagte oder eben wenn jemand im Pfarrsekretariat anrief oder einen Brief schickte. Diese Listen wurden mit Schreibmaschine abgetippt, später dann mit dem Heimcomputer gepflegt (großer Fortschritt, enorme Zeitersparnis).

Am 1.1. war die Messe aus Rücksicht auf die Sylvester-Feiernden abends. Da war „Aussendung“ der Sternsinger, und am 6.1. zogen wir wieder feierlich in die Kirche ein. Die vier Nachmittage und Abende dazwischen waren wir unterwegs, erst in zwei Gruppen, später in dreien. Bei zwei Gruppen zog die eine die Namensliste von oben nach unten entlang, die andere von unten nach oben. Die Listen waren so organisiert, daß ungefähr in der Mitte meist eine Familie aktiver oder ehemaliger Sternsinger war, bei denen wir etwas länger verweilten und uns so trafen. „Wir“, das waren Jugendliche zwischen Erstkommunion (ca. 9 Jahre) und Wehrdienst/Studienbeginn (ca. 19 Jahre), also das normale Alter auch für Pfarrjugend, Pfadfinder oder Ministranten. Jede Gruppe bestand aus drei Königen (davon einer schwarz), einem Sternträger und einigen Blockflötenspielern. Anfang der 80er war das die Rolle der Mädchen, während die Jungs die Könige und den Sternträger gaben. Später rebellierten die Mädchen, und es gab fast keine Flötenspieler mehr, dafür weibliche Könige und Sternträger.

Alle vier verkleideten Jugendlichen trugen über ihren normalen Sachen eine Art weißes Kleid mit langen Ärmeln, das über eine gürtelartig getragene Kordel gerefft werden konnte. Es gab sie ohnehin in mehreren Größen, aber jede Größe deckte eine Bandbreite an Körperlängen ab durch diese Technik, das Kleid über die Kordel zu ziehen. Darüber dann ein Umhang aus buntem Vorhangstoff, der ebenfalls mit einer Kordel versehen war, die vor dem Hals zu einer Schleife gebunden wurde. Der Sternträger trug ein Palästinensertuch auf dem Kopf, die Könige natürlich Pappkronen. Der Sternträger hatte einen elektrisch beleuchteten Stern, alle anderen trugen Körbe für die Süßigkeiten. Denn die besuchten Haushalte gaben nicht nur Geld, sondern auch Süßigkeiten, so daß man nach diesen vier wirklich sehr anstrengenden Nachmittagen/Abenden ein halbes Kellerregal voller Süßigkeiten sein eigen nennen konnte.

Wurden wir reingelassen, so sangen wir alle Strophen des im jeweiligen Jahr einstudierten Liedes, mußten wir im Treppenhaus oder gar draußen stehen, so sangen wir nur die erste. Dann sagte jeder sein Sprüchlein auf, dann schrieb der größte das C+M+B auf den Türsturz, dann gab es die Spende, dann sprachen wir noch einen Haussegen und zogen zur nächsten Adresse weiter. Wenn Schnee liegt, ist das ständige Raus und Rein ziemlich heftig. Die Gewänder werden unten vom Schnee naß, die Nässe taut in den Häusern und gefriert draußen wieder, die ganze Zeit. Also man wußte am Abend dann schon, was man geschafft hatte. Zumal ich als jahrelang kürzester Teilnehmer auch jahrelang den schweren Stern zu schleppen hatte. 🙂

Ich hab das übrigens sehr lange gemacht. Also ab der Erstkommunion erstmal als Blockflötist, dann sehr bald als Sternträger, dann irgendwann als König, Organisator und Listenpfleger (ich hab die auf Computer umgestellt), und als ich schon im Studium war, da hatten sie mal keine Flötenspieler, also bin ich nochmal mitgegangen spontan die vier Tage. Blockflötenspielen erfordert eine erstaunlich ruhige Atmung. 🙂

Von irgendeiner Bundeszentrale kommt jedes Jahr ein dicker Umschlag mit „Material“, denn auch so kann man ja Geld verbrennen. Da sind dann Aufkleber, Plakate (die kann man tatsächlich verwenden, um den Ort in der Kirche zu kennzeichnen, wo man seine Adresse abgeben kann) und Arbeitsmaterial zum jeweiligen Jahresthema. Das war uns aber weitgehend egal, es ist ja immer für bedürftige Kinder irgendwo auf der Welt. Wo genau, das ist am Ende wurscht. Und die komischen Lieder, die da vorgeschlagen wurden, die hätte man lernen müssen. Wir hatten so ein Portfolio von vielleicht drei passenden Kirchenschlagern, die wir jährlich durchgewechselt haben. Meistens war es „Seht, ein Stern ist aufgegangen.“ In besonders mutigen Jahren auch „Engel auf den Feldern singen.“ Ach und die aufzusagenden Sprüche wurden auch ab und zu überarbeitet. Das „Ich bin König Kaspar aus dem Morgenland, die Sonne hat mich so schwarz gebrannt“ von Anfang der 80er wurde irgendwann als nicht mehr so arg super durch was anderes ersetzt zum Beispiel.

Fazit: Eine knappe Woche harte Arbeit, dafür dann ein Haufen Süßigkeiten und ein wirklich hoher Betrag für notleidende Kinder. Und hunderte Hauseingänge (auch evangelische) mit Segenszeichen.

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