Karlsruher Verkehrsbetriebe

Als ich 1991 nach Karlsruhe kam, war der Karlsruher Schienenverkehr grade am Expandieren. Nicht nur, daß ab 1992 die Zweisystemer fuhren (Linie „B“ nach Bretten). Nein, es gab auch wie selbstverständlich mindestens stündliche Fahrten auf allen Straßenbahnlinien, rund um die Uhr. Ich hab gelacht, als ich gehört hab, daß es in Berlin eine „Nachtruhe“ der Straßenbahn gibt. Aber: Diese Möglichkeit, jederzeit sicher, warm, trocken und leidlich komfortabel nach hause zu kommen, wurde in mehreren Schritten bis zur Unkenntlichkeit zusammengestrichen. Warum soll die „Stadt des Rechts“ sich auch attraktiv bspw. für Studierende darstellen? Sei’s drum, zumindest am Wochenende sollte man noch einigermaßen von A nach B kommen auch am späteren Abend. Dachte ich. Ich bin ja mittlerweile 46 und nicht mehr allzu oft nächtens unterwegs.

Wir hatten Firmenweihnachtsfeier, und ich wollte mit der 1 nach Durlach fahren, die um halb vier ab Marktplatz fährt. Da etwas Zeit war, lief ich von der Gartenhalle zunächst zum Marktplatz und dann bis vor zum Durlacher Tor und stieg erst dort zu. Ich sollte diese Haltestelle heute noch einmal wiedersehen . . .


In der Bahn war ein halbes Dutzend Leute eines lokalen Sicherheitsunternehmens, die evtl. vorher eine Fahrkartenkontrolle durchgeführt hatten. Jetzt saßen sie einfach nur rum, die meisten belegten wenigstens zwei Sitze (Arm auf die Lehne, Beine gespreizt – während Fahrgäste standen), und witzelten über einen erkennbar Betrunkenen, dem seine verschlossene Schnapsflasche zwischen den Beinen immer wieder umfiel und der erkennbar Mühe hatte, in Kurven auf seinem Sitz zu bleiben. (Großartiger Dienstleister, der seine Kunden offen auslacht, aber egal.)

An der Haltestelle Tullastraße wurden wir aufgefordert, die Bahn zu verlassen. Die Sicherheitsleute stiegen erst als erste aus, kamen dann aber nochmal rein und leerten das Fahrzeug, das dann in den Betriebshof einfuhr (weiterhin beschildert mit „Durlach“). Ein Teil der Fahrgäste blieb an der Haltestelle stehen, ein anderer ging weiter zum Alten Schlachthof, wo üblicherweise Schienenersatz-Busse fahren. Wenn sie fahren. Ich hielt das bei den heutigen Verkehrsbetrieben für illusorisch, daß da noch so etwas wie ein Fahrbereitschaft existieren könnte oder auch nur jemand den Anstand besäße, ein Dutzend Taxen oder dergleichen zu rufen und blieb daher an der Haltestelle, auf die nächste Bahn warten. Wenn es Infos und Hilfe geben würde, dann eher an der Haltestelle als irgendwo im Nirgendwo. Ein anderer Wartender rief irgendeine überregionale Verkehrsauskunft an, die von keiner Störung wußte. Der Betrunkene pinkelte in’s Eck des Wartehäuschens, was grade so gut ging, weil er wie gesagt gewisse Gleichgewichtsprobleme hatte. Insgesamt waren wir an der Haltestelle vielleicht 20 Personen. Plus eben die, die zu einer möglichen Bushaltestelle gegangen waren.

Dann kam eine S5, beschildert mit „Pforzheim“. Sie war ziemlich voll, und da die Fahrgäste drinblieben, drängten auch wir Wartenden uns dazu. Also wohl vorhin eine Fahrzeugstörung und keine Streckensperrung. – Ansagen gab es wie gesagt überhaupt keine, nicht im Fahrzeug und nicht durch das Personal an der Haltestelle. Auch auf Rückfragen anderer Reisender hieß es von den Sicherheitsleuten nur „diese Bahn fährt nicht weiter, steigen Sie aus.“

Leider fuhr allerdings die S5 nun ebenfalls links ab. Statt nach Durlach oder gar Pforzheim fuhr sie über den Hauptfriedhof zurück stadteinwärts. Drinnen keinerlei Durchsagen. Am Karl-Wilhelm-Platz fragten mich zwei, ob wir nun beim Bahnhof Durlach seien. Als ich ihnen sagte, wir seien in der Gegenrichtung unterwegs und gleich am Durlacher Tor und ihnen das beleuchtete VBK-Häuschen zeigte, wurde die Stimmung in der Bahn gelinde gesagt schlechter.

An der Haltestelle Durlacher Tor stieg ich aus. Hier nun gab eine Laufschrift an der Abfahrtsanzeige erstmals so etwas wie eine Information: Ein Auto sei in’s „Hochgleis“ (so heißt das wohl, wenn der Schotter rausguckt) gefahren und blockere jetzt die Strecke nach Durlach. Der Lauftext hatte zwar Schwächen in der Groß-/Kleinschreibung, aber immerhin überhaupt mal eine Information. (Leider nur eine Ursachenangabe und nicht die eigentlich erforderliche Information „wie kommt man denn jetzt nach Durlach und weiter“, aber das ist bei Bahnens ja allgemein üblich bei den Laufschriften.)

Scheinbar sitzen vorne in den Bahnen und in der Leitstelle nur stumme Menschen, die weder über die Innen- noch die Außenlautsprecher irgendwelche Durchsagen machen können. Oder sie trauen sich nicht, weil sie keinen fertigen Textbaustein haben und Angst haben, wenn sie vergessen würden am Ende „Wir wünschen Ihnen allzeit gute Fahrt. Ihre Verkehrsbetriebe Karlsruhe“ zu sagen, eine Abmahnung zu fangen.

Jedenfalls war es mein Glück, daß diese Information nur wenige Menschen erreichte. Die meisten blieben „erstmal“ in der S5, die wie gesagt in falscher Richtung fuhr, und auch am Bahnsteig in Richtung Durlach standen Menschen. Aber vor den Bordellen stand ein Taxi. 🙂 Eins zwar nur, aber eins reicht ja für mich. Ich hab mir also verkniffen, weiter Aufklärungsarbeit zu betreiben und zugesehen, daß ich das Taxi erreiche, bevor andere schneller sind. 17 Euro, und ich war in Durlach. (Ich werd probieren, mir das Geld zurückzuholen.)

Was für ein erbärmlicher Laden ist das, der nacht um kurz vor vier seine Kundschaft ohne jede Information und ohne jedes alternative Verkehrsmittel einfach an der Tullastraße auslädt und bei Temperaturen um den Gefrierpunkt stehenlässt (oder, genauso unmöglich, sie entgegengesetzt ihrer Wunschrichtung weiter transportiert). Ich weiß nicht, ob das Personal verantwortungsscheu oder überfordert, faul oder dumm ist. Ich fürchte, der Fisch stinkt wie so oft vom Kopf her.

Was hätte ich erwartet? Daß die Fahrerin der 1 durchsagt, man möge an der Haltestelle bleiben, Taxen seien bereits angefordert. Und daß dann das ja zufällig eh anwesende Sicherheitspersonal es übernimmt, die Fahrgäste zum Stellplatz der Taxen zu lotsen. Auch, wenn dadurch deren Schicht etwas länger wird. Und daß auch bei der folgenden S5 die Fahrgäste, von denen ja ganz sicher kein einziger retour zum Durlacher Tor wollte, auf die Situation aufmerksam gemacht und zu den Taxen geleitet werden.

(Ich kann natürlich nicht ausschließen, daß es in den Bahnen Durchsagen gab, die so leise waren, daß weder ich noch irgendein anderer Fahrgast sie wahrnehmen konnte.)

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2 Antworten auf Karlsruher Verkehrsbetriebe

  1. Das ist eine dreifache unglaubliche Frechheit, wo mir schon bei der Lektüre der Hut hoch geht. Ich hoffe, Du schreibst eine Beschwerde und hältst Deine Leser über die empfangenen Textbausteine auf dem laufenden.

  2. anonym sagt:

    Da hat die Bahn dich wohl ziemlich verarscht, zum Glück war da ja ein Bordell, hoffe du hattest deinen Spaß.

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