Medienzeitalter

Um das Jahr 1990 erfuhr ich von einem Projekt irgendeiner Landesbildstelle, Vorschulkinder an das Fernsehen und das Gesehen-Werden heranzuführen durch folgenden Versuchsaufbau: Die Kinder spielen, während sie sich selbst, aufgenommen durch eine Videokamera, auf einem Fernseher betrachten können. Eigentlich im Vergleich zum herkömmlichen Spiegel nur ein Pespektivwechsel und eben der Wegfall der Seitenvertauschung des Bildes, aber eben doch schon anders, weil dort, wo man das Bild sieht, nicht dort ist, wo die Kamera steht. Die kann zum Beispiel von oben filmen oder von einer anderen Seite des Raums, als Beobachteter muß man stärker abstrahieren. Die Übung sollte dem Erwerb von Medienkompetenz dienen.

Und als wir mit meiner Schulklasse in den 80ern in Bonn den Bundestag besichtigten, da verblüffte mich nachhaltig und bis heute, daß die meisten Sitze keine Tischfläche haben. Also keine Rede von Strom oder Netz, das war ja damals noch nicht so wichtig – aber daß da Menschen stundenlang sitzen und allenfalls Zeitunglesen können, weil sie keine Platte vor sich haben, auf der sie Schreibzeug ausbreiten könnten, das hat mich tief und unangenehm beeindruckt.

Diese zwei Erinnerungen mal vorab. Nun sind die Ausrutscher bzgl. „Neue“ Medien von einigen älteren Politikern ja nichts neues, von daher überrascht Herr Schäuble grade nicht. Kleine Erinnerung: Erstmals erst im Jahr 2010 kam ein Abgeordneter, übrigens von der FDP, auf die Idee, seine Rede im Bundestag von einem Tablet vorzulesen. Und bekam dafür prompt einen Rüffel. Ich hätte gedacht, man sei dort seit irgendwann zweite Hälfte der 90er weitgehend papierlos, aber später erfuhr ich dann auch, daß bspw. beim turnusmäßigen Umzug des Europäischen Parlaments zwischen Straßburg und Brüssel sattelschlepperweise Papier bewegt wird. Und nein, das ist kein Witz. (Also nur so zum Vergleich für die Senioren und die Schullehrer: Ich hab schon seit über zehn Jahren niemanden in einer Besprechung mit Zettel und Stift gesehen, jedenfalls nicht bewußt. Nicht im Geschäft und nicht in der Freizeit. Ich selbst mach das bei Vorstellungsgesprächen, aber ich bin da echt eine aussterbende Spezies, sowohl privat als auch beruflich, spätestens seit dem Aufkommen der nahezu überall verfügbaren mobilen Internetnutzung (Smartphone, Tablet, Laptop). Und schon seit etlichen Jahren gibt es bspw. das Brevier als App. Das Gesangbuch als App würde ich mir wünschen, dann könnte ich die Schrift passend vergrößern statt die Brille abzusetzen. 🙂 )

Das Fatale daran ist, daß nicht nur die Sitten auseinanderbrechen, sondern auch die Annahme, was „normal“ sei. Und am Ende versteht man sich nicht mehr. Die einen lernen grade, daß es mehr als drei Fernsehsender gibt, und die anderen finden Füllfederhalter irgendwie nostalgisch. (Echte Federhalter, also ohne „Füll“, waren schon zu meiner Schulzeit nur noch im Kunstunterricht üblich.)

Ich empfehle hier das unterhaltsame Buch „What’s App, Mama?: Warum wir Teenies den ganzen Tag online sind – und warum das okay ist!“ vom damals 15jährigen Robert Campe.

Zwei Gegenextreme dazu: 1) Bei SWR2 hörte ich gerade diesen Beitrag mit dem sogenannten „Medienwissenschaftler“ Dr.(?) Stephan Russ-Mohl. Der Beitrag ist weitgehend Kokolores, bestenfalls eine Werbesendung für dessen Buch. Aber an 10:16 ist folgende besonders entlarvende Passage: „die meisten normalen Medienkonsumenten, also Fernsehzuschauer, Zeitungsleser“ – äh, wie meinen? Wieviele Menschen unter sagenwirmal 50 haben denn eine Zeitung abonniert, wieviele haben einen klassischen Fernseher? Ist da an dem Herrn „Medienwissenschaftler“ vielleicht vor ca. 15 Jahren der Zug der Zeit vorbeigefahren?

2) Ich wollte mir neulich eine ZDF-Sendung anschauen. Zur Mediathek gelangt man dort über „Sendung verpasst“ – bitte? Ich hab da nichts „verpasst“, ich möchte einfach nur selbstbestimmt genau jetzt genau diese Sendung anschauen. Nicht, weil ich sie vorher „verpasst“ hätte. Ihr, ZDF, Ihr erstellt Sendungen von meinen Zwangsabgaben. So, wie SWR2 oder HR2. Und ich hol mir die und schau sie an, wann immer ich dazu Lust habe. Ich bin doch kein Hund, der zur festen Stunde sabbernd angelaufen kommt. Was außer den Nachrichten und vielleicht noch Sportübertragungen für Interessierte ist denn irgendwie echtzeitkritisch im Fernsehen?

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3 Antworten auf Medienzeitalter

  1. Thomas Hochstein sagt:

    „Ich hab schon seit über zehn Jahren niemanden in einer Besprechung mit Zettel und Stift gesehen, jedenfalls nicht bewußt. Nicht im Geschäft und nicht in der Freizeit.“

    Das ist in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern offensichtlich unterschiedlich – ich sehe bis heute nur in den seltensten Fällen bei einer Besprechung jemand mit einem Laptop oder vergleichbaren Gerät. Der absolute Regelfall ist Papier und Stift, und das ist durchaus bewährt. In den seltenen Fällen, in denen ich einen Laptop o.ä. dabeihabe und bspw. das Protokoll direkt darin schreibe, bin ich (immer noch, wenn auch nicht mehr so sehr wie vor 10 Jahren) Exot.

  2. Jako sagt:

    > Ich hab schon seit über zehn Jahren niemanden in einer Besprechung mit Zettel und Stift gesehen, jedenfalls nicht bewußt. Nicht im Geschäft

    Huh? Ich weiß ja nicht, in welchen Meetings du so rumhängst, aber in welcher Firma (war dort ja auch bis vor einem Jahr), und da saßen fast alle mit Kugelschreiber und Block/Notizbuch (außer vielleicht den Projektleitern, die die Protokolle schrieben und den Hipstern von Enterprise Architecture und so).

    • fpf sagt:

      Also ich komme bedingt durch meine Tätigkeit ja quer durch den Konzern in Vorstellungs- und Feedbackgespräche, und für die gilt das. Und wer jetzt meint „jaja, das sind ja alles Führungskräfte“ – nein, mittlerweile wurden auch die meisten Sachbearbeiter auf Laptop umgerüstet, obwohl sie nie im Leben das Gerät mit nach Hause nehmen würden, das fristet sein Dasein weitgehend in der Dockingstation. Aber sie können damit halt in Besprechungen Dokumente an die Wand werfen und Notizen machen. Protokolliert wird meistens direkt in’s Wiki oder so ne Art selbstentwickelter Team-Blogs. Auch für die Jahresgespräche und andere Feedbacksituationen wird mittlerweile ein Onlinesystem eingesetzt, das geht nicht mehr wirklich offline (wäre zumindest sehr umständlich), und falls Bewerbungen noch in Papierform eingehen (mittlerweile zum Glück auch im Westerwald sehr selten geworden), werden sie eingescannt. Wir in meinem Team haben ein Kanbanboard mit Postits, das ist aber ne wirkliche Ausnahme (ich find’s übersichtlich), die meisten Teams organisieren ihre Arbeit ebenfalls digital und hängen eher noch nen großen Bildschirm auf, der dann das anzeigt, was früher auf der Tafel stand…

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