schwarz-rot-gold

Ich bin Jahrgang 1971, war also in den 80ern Jugendlicher. Damals wurden „bei uns“ die Fahnenmasten vor Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen nur genutzt, um Fahnen auf Halbmast zu hissen als Zeichen der Trauer. Ich kannte das überhaupt nicht anders, bis ich das erste Mal in Frankreich war, wo vor jeder Schule, vor jeder Mairie die Trikolore flatterte. Und später im Fernsehen sah ich dann erstaunt, daß manche Amis ihre Nationalfahne sogar in ihre Kirchen stellen – wo sie nach meiner katholischen Überzeugung nun wirklich überhaupt nichts verloren hat.

Also natürlich gab es bunte Beflaggungen, zum Beispiel zur Kerwe (am Wochenende nach Laurentius). Die Weinheimer Fahne ist weiß-blau. Da die Kurpfalz sich eher baden-württembergisch als badisch versteht gab es daneben ab und zu das mir politisch nicht so sympathische schwarz-gelb (anstelle des hier in Durlach und Karlsruhe natürlich vorherrschenden gelb-rot-gelb). Aber schwarz-rot-gold war ganz, ganz weit weg. Das gab es wirklich nur auf Halbmast, wenn irgendwo ein Grubenunglück oder so etwas war und man sein Mitgefühl, seine Solidarität mit anderen deutschen Landstrichen bekunden wollte. Ich habe diese Fahne tatsächlich nie vollständig hochgezogen erlebt.

Mit einer Ausnahme: Bei den Pfadfindern nahmen wir außer unserem Lilienbanner eine Schwarzrotgoldene mit, wenn wir in’s Ausland fuhren. Wenn man in der Fremde seine Herkunft bezeichnen möchte, bringt es ja nicht so viel, die Farben der Heimatstadt zu hissen, da wird die des Bundes schon eher wiedererkannt und richtig zugeordnet.

Jemand, der schwarz-rot-gold in irgendeiner Form getragen hätte, als Fahrradwimpel oder als Aufnäher auf der Tasche, der wäre schnell im Verdacht gewesen, ein Nationalist zu sein. Ich hätte auch auf Fragen nach meiner Herkunft immer gesagt, daß ich Weinheimer und also Kurpfälzer bin. Oder bezogen auf meine Geburts- und spätere Studienstadt Karlsruher und damit Badener, heute Durlacher. Aber im Wissen, daß ich mit den Elsässern kulturell und bspw. auch sprachlich viel mehr gemeinsam habe als z. B. mit Menschen an Nord- oder Ostsee hätte ich mich nie bewußt als „Deutscher“ bezeichnet. Also klar, das steht in Ausweis und Pass, und ich fühle mich auch insofern als Deutscher, als ich keine Bundestagswahl je auslassen würde und so weiter. Und ich glaube, meine Jahrgangskollegen, die zum Wehrdienst gingen, waren danach auch etwas „deutscher“ eingestellt. Aber in meiner Wahrnehmung war der Bund immer ein Zweckbündnis, eine Verwaltungs-Zwischeninstanz zwischen dem Land und Europa. Nichts identitätsstiftendes, ungefähr so stark emotional besetzt wie meinetwegen der Kreis.

Ich habe den Eindruck, daß sich das hier im Südwesten ungefähr rund um die Fußball-WM 2006 ein wenig geändert hat. Plötzlich wurde man nicht mehr schief angesehen, wenn man irgendwas in schwarz-rot-gold trug. Hätte man es wie früher leicht peinlich berührt in den Müll, wäre man evtl. sogar ruppig angegangen worden, und ein sehr komisches „nationales Wirgefühl“ wurde wohl auch von der Politik aktiv propagiert. Die vormalige FDJ-Funktionärin, die da grade erst ein halbes Jahr Kanzlerin war, hat den Förderalismus ja bis heute nicht verstanden.

Ich werde mich weiterhin als Durlacher, Badener und Europäer verstehen. Und halt als Mensch. Und ein bißchen bin ich natürlich Woinemer geblieben.

Ich wollte das nur gesagt haben, weil doch leider am Pfingstsamstag hier in Durlach der sogenannte „Tag der deutschen Zukunft“ stattfinden wird: Die ist mir wurscht. Ich brauch das Gebilde „Deutschland“ für nichts. Ich gäbe sogar viel drum, wenn ich nicht mehr gezwungen würde, ausgerechnet in dessen Grenzen solidarisch zu sein bspw. beim Gesundheitswesen oder anderen Gemeinschaftaufgaben. Da wäre mir Baden oder Europa deutlich lieber. Oder Durlach oder die Welt, egal.

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