Hysterie

Heute haben 30 Polizisten im Kino am ZKM einen einzelnen Betrunkenen überwältigt. „Die Hinweisgeber meldeten sich bei einer Verantwortlichen des Kinobetreibers und teilten mit, dass neben ihnen eine männliche Person mit einem auffällig großen Rucksack gesessen habe. Aufgrund des Erscheinungsbildes und des seltsamen Verhaltens des Mannes, bekamen die Hinweisgeber Angst und verließen die Vorstellung“. Und statt den Typ anzusprechen wird lieber mal ein 30-Polizisten-Einsatz durchgeführt. Mir tut er leid, der den teuren Eintritt bezahlt und dann wohl aufgrund des Alkoholpegels garnichts vom Film gehabt hat. Oder haben die dort keine Einlaßkontrolle mehr?

Vor fünf Monaten wurde das Rathaus West teilevakuiert und die Schule daneben aufgeschreckt, weil jemand mit einer Gesichtskrankheit einen Behördengang absolvierte.

Letzten Januar, meine ich, wurden die Straßen um den Karl-Wilhelm-Platz (eine relativ unbedeutende Straßenbahnhaltestelle) weiträumig abgesperrt und ein Spezialteam aus Stuttgart gerufen, weil dort jemand seinen Koffer vergessen hatte. Ähnliches einige Zeit später an einem Dorfbahnhof auf der Strecke Karlsruhe-Stuttgart. Als würde ein Terrorist seine Bombe ausgerechnet auf eine menschenleere Fläche stellen.

Aber niemand in der ganzen Kette zwischen hysterischem Anrufer und ausführendem Polizisten traut sich, den Unfug abzublasen aus lauter Furcht, er könne danach an irgendwas schuld sein. Und die Kosten des Einsatzes und, ärgerlicher noch, die Schikane der Bürger, die schlagen ja nicht bei diesen Feiglingen zu Buche.

Im Dezember 1966 konnte die APO die Polizei foppen, indem sie aufrief, mit Weihnachtspaketen unter dem Arm zu flanieren. Wir sind mindestens wieder so weit. Und heute wie damals muß man vermutlich mehr als vor der Polizei noch Angst haben vor „besorgten Bürgern“.

Vielleicht hülfe es, nur noch durchsichtige Taschen zuzulassen und Körperkontrollen, schärfer als beim KSC, ja schärfer noch als bei El-Al, am Eingang zu jedem öffentlichen Gebäude durchzuführen. Ach Quatsch, am Ausgang jedes Privathauses, damit auch unterwegs nichts passieren kann. Genug ehrenamtliche Blockwarte würden sich bestimmt finden, die sich dann mit dem befriedigenden Gefühl, Sicherheit geschaffen zu haben (im Tausch gegen Freiheit, aber die war in Deutschland nie so ein arg zentrales Gut), bunte Blechstücke auf Brust und Schultern befestigen können.

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Eine Antwort auf Hysterie

  1. Anton Hammermann sagt:

    Hallo allerseits,
    das Thema Hysterie ist meiner Meinung nach zurzeit sehr Zentral. Ich finde Angela Merkel hat es mit den Worten „Angst ist kein guter Ratgeber“ sehr gut beschrieben.
    Aber die Frage ist auch ab wann aus Bedenken Hysterie wird…
    Solange Angst begründet ist, ist sie sogar überlebenswichtig und ein elementarer Grundinstinkt des Menschen.
    Die aktuell umgehende Angst vor andersartigen Menschen, egal ob Grundeinstellung oder Religion, ist jedoch oft sehr unbegründet und schadet im Endeffekt nur. Meiner Meinung nach Felix ist es richtig was du sagst, dass die Hysterie übertrieben ist in diesem Fall, jedoch handeln die Personen hier stark nach Vorschriften und rechnen sozusagen mit dem Schlimmsten…
    Am Ende ist es wichtig immer ein sinnvolles Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Freiheit zu schaffen…jedoch ist diese Aufgabe womöglich sehr schwer zu bewältigen, da eines das andere oft ausschließt…
    Viele liebe Grüße
    Anton

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