international studieren

Mein Studienabschluß – die „Wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an Gymnasien“ – bestand aus einer wissenschaftlichen Arbeit, für die (offiziell nur) ein halbes Jahr Bearbeitungszeit vorgesehen war (deren Note allerdings nicht in die Endnote eingeht, weswegen sie unter Studierenden „Zulassungsarbeit“ heißt), dann aus einer mündlichen Prüfung in Mathematik sowie einer schriftlichen und einer mündlichen Prüfung in Deutsch. Um zur Prüfung zugelassen zu werden mußte ich die „Zwischenprüfung“ abgelegt haben und einige wenige Hauptseminarscheine vorzeigen. Außerdem mußte ich Prüfungsthemen vorschlagen, die bestimmten Kriterien genügen (vor allem hinsichtlich der fachlichen Breite).

Wie ich mir mein Wissen aneignete war meine Sache. Ich hätte selbstverständlich auch Semester an anderen Hochschulen verbringen können. Es wäre lediglich zweckmäßig, zu beachten, daß ich dort keine allzu speziellen Orchideenthemen studiere, für die sich dann evtl. zuhause kein Prüfer findet.

Dann kamen Bachelor und Master, und plötzlich bekommt jede „Lernleistung“ einen Gewichtungsfaktor („European Creditpoints Transfer System“) und eine Benotung, woraus sich dann am Ende eine Abschlußnote errechnet. Diese Abschlüsse attestieren primär also nicht mehr vorhandene Kenntnisse und Fertigkeiten, sondern investierte Zeit. Lernen wird benotet, nicht Können.

Dieses Phänomen ist nicht auf die Hochschulen beschränkt, seit gut 20 Jahren wird unser Bildungswesen umgebaut. So war es mir noch möglich, in „Mitarbeit“ und „Fleiß“ regelmäßig bestenfalls 3er zu bekommen, praktisch nie Hausaufgaben zu machen und dennoch ein prima Abitur zu erlangen. Das dürfte heute ausgeschlossen sein, weil Hausaufgaben und Unterricht heute nicht mehr als Vorbereitung auf die Bewertung (durch mündliche und schriftliche Prüfungen) gesehen werden sondern als deren Gegenstand.

Warum ist das so? Weil man akademische Abschlüsse für mehr Menschen ermöglichen will, aber Talent und Intellekt – anders als Fleiß – nicht anerziehen kann. Will man die Menge der Absolventen erhöhen, so muß man auf Eigenschaften setzen, die sich andressieren lassen.

Warum ist das schlecht? Weil dieses System eine signifikante Quote mentaler Sachbearbeiter (fleissig, aber nicht kreativ) generiert, die irreführenderweise einen akademischen Abschluß besitzen. Ein Hochschulabschluß stand mal für die Befähigung, komplexe Aufgabenstellungen eigenverantwortlich zu bewältigen. Heute quittiert er ein definiertes Pensum an (erfolgreich absolvierten, zugegeben) Lernstunden.

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