Ärzte

Ich bin mit einer guten Gesundheit gesegnet, so daß ich seit fast 30 Jahren keinen Allgemeinmediziner aufsuchen mußte. Seit ich 1991 nach Karlsruhe kam war ich zweimal beim Augenarzt – okay, da sollte ich eigentlich alle 3-5 Jahre hin. Außerdem mühe ich mich, einmal im Jahr zum Zahnarzt zu gehen. Da gab’s auch mal Lücken von bis zu sieben Jahren, aber oft klappt es. Üblicherweise bin ich 1-2 Tage im Jahr so krank, daß ich tatsächlich nicht zur Arbeit kann, meistens eine kurze Grippe oder eine Magenverstimmung. Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung habe ich noch nie in meinem Leben benötigt. Und das ohne Sport und ohne Obst.

Aber im Januar 2015 hatte ich plötzlich starke Schmerzen in der rechten Hand und im Arm, so daß ich eine Odyssee unternahm, die mich viel Zeit und die Technikerkasse viel Geld kostete und mit dem Fazit endet, daß ich uns das auch hätte sparen können, weil’s am Ende doch nur durch Abwarten ausheilte. Aber der Reihe nach:

Ich bin insofern verwöhnt, als der erwähnte und von mir uneingeschränkt empfohlene Zahnarzt Dr. Hölzer, mein einziger regelmäßiger Kontakt zur Weißkittelzunft, immer binnen weniger Tage einen Termin für mich hatte morgens vor Arbeitsbeginn, der Termin ohne Wartezeiten pünktlich stattfand und erst fertig war, wenn alles gemacht war. Von meinen Azubis wußte ich schon, daß es Ärzte gibt, bei denen das anders ist, die sich irgendwie nicht wirklich als Dienstleister und den Kunden nicht wirklich als Kunden betrachten, der auch zu einem anderen Arzt gehen könnte. Zu wenig Wettbewerb, wie mir scheint.

Also jedenfalls waren die Schmerzen wie erwähnt stark. Dumpf in der Hand, stechend im Arm. In der Nähe meines Arbeitsplatzes gibt es eine orthopädische Gemeinschaftspraxis. Die auf meine Mail drei Tage nicht reagierte, weswegen ich eine andere suchte und fand, bei der man online direkt Zeiten vereinbaren kann. Bis hierhin gut. Vor Ort erwies sich dann die vereinbarte Zeit als frommer Wunsch. Irgendwann kam ich dran. Der Arzt kam kurz rein, sah mich an (gab mir nichtmal die Hand) und lies sich in einem Satz das Problem schildern. Er ging einmal um mich herum und sagte „Bandscheibenvorfall, ganz klar“. Dann entschwand er, und ich mußte eine Etage tiefer zum Röntgen bei ganz anderem Personal, wieder mit Wartezeit verbunden. Danach wieder hoch, wieder Warten, dann schaut er die Bilder an und sieht wohl nicht, wonach er sucht, denn er meint, ich müsse ein MRT machen lassen. Er gibt mir eine Adresse eines befreundeten Arztes mit. Außerdem verschreibt er mir ein halbes Dutzend Physiotherapiesitzungen, „Massage und Elektro“.

Bei der MRT-Praxis rufe ich an. Das interaktive Menü will als erstes wissen, ob ich privatversichert sei. Im Ergebnis erhalte ich einen Termin sechs Wochen in der Zukunft. Zur Erinnerung: Ich hatte Schmerzen. Ich klicke mir einen Termin beim bereits bekannten Orthopäden direkt am Tag drauf, ganz blöd bin ich ja nicht. Und suche mir eine Physiotherapie-Praxis in Straßenbahnnähe. Mit denen mache ich nun eine Sitzung pro Woche aus, eben diese sechs Wochen Wartezeit lang.

Diese Sitzungen waren ein schlechter Witz. Der Therapeut drückte jedesmal ein bißchen auf meinem Handballen, dem Arm und der Schulter herum. Außerdem legte er mir zwei Elektroden an. Beim ersten Mal sagte er, ich solle lautgeben, wenn er nicht weiter aufdrehen solle. Auf meine Frage, ob ich mich melden soll, wenn’s wehtut oder wenn ich überhaupt etwas spüre, schaut er verträumt aus dem Fenster und sagt „das weiß ich nicht so recht, ich wundere mich über Ihr Rezept“. Auch bei den späteren Terminen macht er aus seinem „Wundern“ keinen Hehl und probiert Elektrodenpositionen, von denen er selbst sagt, sie widersprächen sich. Dann stellt er einen Wecker, und ich bleibe mit dem Ding allein, bis eben die Zeit um ist. In der dritten Sitzung oder so erklärt er mir, mein Schulterblatt käme sehr weit heraus, wenn ich den Arm hebe. Dafür gäbe es einen Spezialbegriff, irgendwas mit Engelsschultern.

Beim sechsten und letzten Termin bemerkt er, daß nur ein Schulterblatt, das rechte, so weit rauskommt. Er meint, das solle ich doch mal dem Herrn Arzt zeigen, vielleicht hätte das ja etwas mit meinen Schmerzen zu tun.

Dann also das MRT. Einen Arzt erlebe ich auch hier nur vielleicht zwei Minuten, als er das Ergebnis kurz mit mir bespricht. Er sieht keinerlei Anzeichen für einen Bandscheibenvorfall (was mich sehr, sehr freut), dafür aber völlig abgenutzte Halswirbel.

Ich trabe tags drauf mit der CD mit den Bildern zum Orthopäden zurück. Der beruhigt mich, was die Halswirbel angeht, denn deren Abnutzung sieht er nicht bzw. nicht in kritischem Maße. Aber das mit dem Schulterblatt findet er interessant. „Das hatten Sie vor sechs Wochen aber noch nicht“ – woher sollen er oder ich das wissen, er hatte mich damals doch garnicht gebeten, die Arme zu heben. Und selbst seh ich ja nicht, wie ich von hinten aussehe. Naja. Er ist nun erkennbar etwas sauer, daß seine Diagnose offenkundig falsch war und bittet mich, einen Neurologen aufzusuchen. Da ihm das mit den sechs Wochen wohl selbst unangenehm ist, sorgt er diesmal dafür, daß seine Sprechstundenhilfe für mich bei seinem befreundeten Neurologen anruft und mir für die Folgewoche einen Termin macht. Immerhin.

Der nun ist der einzige Lichtblick auf dieser Reise. Ein erfahren wirkender, gemütlicher älterer Herr, der das Patientengespräch unterbricht, um mit Handwerkern zu telephonieren. Er schaut sich mein Schulterblatt an und erklärt mir, das sei eine Nervenentzündung, die bei Männern zwischen 30 und 50 öfter mal vorkomme und gegen die man nichts tun könne, nur abwarten. Es könne ein halbes Jahr dauern, bis das Schulterblatt nicht mehr rauskommt (die Schmerzen waren zu dem Zeitpunkt von selbst weitgehend vergangen). Ich könne alles weiter belasten wie sonst auch, müsse mich nicht schonen. Er könne mir allenfalls nochmal Physiotherapiestunden verschreiben – und dabei schaut er mich so amüsiert an, als wisse er auch ohne meine nähere Schilderung, daß ich darauf dankend verzichten werde. Als ich ihm seine Frage nach meinem Hausarzt mit dem Hinweis beantworte, seit den 80ern nicht beim Arzt gewesen zu sein, meint er „das ist sehr weise“, und es klingt nicht ironisch.

Abschließend hab ich diesen Befund noch dem Orthopäden zur Kenntnisnahme gemailt, aber keinerlei Reaktion mehr von ihm bekommen. Tatsächlich war bald drauf auch der letzte Rest an Schmerzen weg, nur das Schulterblatt brauchte wie angekündigt noch einige Monate, bis es wieder „drin“ blieb, wenn ich den Arm hebe.

Also ja, natürlich war es sinnvoll, bei Schmerzen, die so arg waren, daß ich sogar einen Tag nicht zur Arbeit ging, einen Arzt aufzusuchen. Das würde ich auch erneut tun in vergleichbaren Situationen. Aber ich will nicht wissen, was die drei Ärzte und der Therapeut die Technikerkasse gekostet haben (nicht zu reden von meiner Zeit) – mit dem banalen Fazit, daß ich das nur aussitzen kann und man da so oder so nichts machen kann. Garniert mit meiner Verunsicherung, erst angeblich Bandscheibenvorfall und dann angeblich abgenutzte Wirbel. Es möge mir daher bitte niemand jemals Vorsorgeuntersuchungen empfehlen. Die machen einen nur krank.

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Ein Kommentar zu Ärzte

  1. -thh sagt:

    Vielleicht bin ich ja altmodisch, aber der Gedanke, Terminvereinbarungen o.ä. mit Ärzten per E-Mail zu versuchen, wäre mir nie gekommen. Ich würde dazu immer zum Telefonhörer greifen …

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