Flüchtlinge

„Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ war ein zu meiner Schulzeit in den 80ern gerne von den Friedensaktivisten zitiertes vermeintliches Zitat von Bertolt Brecht. Was die Zitierenden notorisch verschwiegen: Das Gedicht geht so weiter: „dann kommt der Krieg zu euch / Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt / Und läßt andere kämpfen für seine Sache / Der muß sich vorsehen; denn / Wer den Kampf nicht geteilt hat / Der wird teilen die Niederlage. / Nicht einmal den Kampf vermeidet / Wer den Kampf vermeiden will; denn / Es wird kämpfen für die Sache des Feinds / Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.“ (Zitiert nach der oben verlinkten Quelle.)


Nun wird man den fliehenden Kindern und Greisen kaum vorwerfen können, nicht zu kämpfen. Aber den Wehrfähigen? Es ist noch nicht lange her, da gab es in Deutschland die Pflicht, seine Heimat zu verteidigen, und die wehrfähigen jungen Männer wurden dafür auch ausdrücklich ausgebildet. Sexistischerweise nur die Männer, aber immerhin mit einem recht breiten gesellschaftlichen Konsens. Allerdings, wie man grade sehen kann, nur in Friedenszeiten. Wenn’s dann ernst wird, ist es gesellschaftlich mehrheitsfähig, doch lieber abzuhauen und drauf zu bauen, daß irgendwer anders das irgendwann schon irgendwie wieder hinbiegen wird in der eigenen Heimat.

Praktisch macht es aber keinen Unterschied, ob ich einen Teil der Flüchtlinge für erbärmlich feige Vaterlandsverräter halte oder nicht. Denn, und das ist vielen scheinbar nicht so recht klar: Sie kommen. Und sie werden weiterhin kommen, völlig egal ob wir das wollen oder nicht. Die deutsche Außengrenze war zu keiner Zeit jemals für Fußgänger undurchlässig (also die des freien Teils Deutschlands). Die Frage ist nur, ob sie sich dann legal hier aufhalten oder illegal. Und für einen legalen Aufenthalt spricht, daß wir das nur so überhaupt organisieren und bewußt beeinflussen können. Womit sich aus meiner Sicht weite Teile der aktuellen gesellschaftlichen Debatte bereits erledigt haben. Deutschland wird sich ganz erheblich verändern in sehr kurzer Zeit, völlig egal ob wir das möchten oder nicht.

Nicht erledigt hingegen hat sich die Frage, wie sich dieser Prozeß inhaltlich mitgestalten lässt. Ob es zum Beispiel so etwas wie Werte oder Kultur gibt, die wir den Neubürgern vermitteln wollen – und ggf. wie wir das anstellen wollen. Dazu müßten wir erstmal selbst dahinterstehen, hinter dieser vielbeschworenen abendländischen Kultur und Tradition. Ich nehme aber sehr bedauernd wahr, daß das seit mindestens 25 Jahren massiv bröckelt. Sei es die Ermordung von Kindern noch vor ihrer Geburt, sei es der Umgang mit Kranken und Sterbenden. Sei es die Frage nach der Rolle der Familie (was auch immer das genau ist) im Aufbau des Staates oder die überhaupt nach den Aufgaben des Staates. Wenn man Leute bittet, aufzuschreiben, was Asylanten lernen müssen, dann kommt arg viel mehr als „Frauen dürfen nicht unterdrückt werden“ nicht raus. Mit sehr viel Glück noch bißchen allgemeiner Minderheitenschutz und vielleicht sogar das staatliche Gewaltmonopol, aber schon da bin ich sehr skeptisch, wenn ich Diskussionen etwa über den Umgang mit Sexualstraftätern oder, zum Thema passend, kriminellen Flüchtlingen verfolge. Ähnlich labil scheint mir die Zustimmung zur parlamentarischen Demokratie. Ob man ein Demokrat ist, zeigt sich am eigenen Verhalten erst, wenn man eine Minderheitsmeinung hat…

Ich kann diese Frage nach gemeinsamen Werten hier nicht wirklich abhandeln, aber sie scheint mir die zentrale zu sein angesichts der Situation. Die anderen Fragen rund um den unaufhaltbaren Menschenzustrom sind vorgeschoben aus einem emotionalen Reflex heraus, vermeintlich einfachere Fragen vor die Hauptfrage zu schieben – nicht erkennend, daß die vermeintlich einfacheren Fragen sich wie gesagt bereits von selbst erledigt haben, wenn wir ehrlich sind.

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