Handy-Pest

Ich hab ein (Dienst-)Handy. Das ist entweder auf Vibration oder ganz stumm geschaltet, niemals gibt es Klingeltöne von sich. Wenn es vibriert, kann ich situationsabhängig entscheiden, ob ich drangehe oder später den Anrufbeantworter abhöre. Sooo dringend, daß ich sofort hören oder gar sprechen müßte, ist nicht ein Promille der Anrufe, nahezu immer genügt eine Reaktion binnen sagenwirmal 30 Minuten, wobei meist schon das Abhören des AB genügt und gar kein eigenes Sprechen erforderlich ist. (Einziger dringenderer Fall, der mir einfällt, war, als ich zu meiner Mutter in’s Krankenhaus gerufen wurde.) – Und wer mich kennt, wird mir nicht grade unterstellen, ein Kommunikationsmuffel zu sein. Aber ich finde noch immer, daß sich lautes Sprechen in direkter Nähe von Fremden in den allermeisten Kontexten nicht gehört. Egal, ob die Gesprächspartner bei einem sind oder telephonisch verbunden. Und selbstverständlich ist das Handy zum Beispiel dann völlig stumm, wenn ich geschäftlich in Terminen bin (also fast den ganzen Tag). Man stelle sich zum Beispiel ein Vorstellungsgespräch vor, und der Gesprächspartner fällt zwischenrein völlig aus dem Gesprächskontext und geht mal eben an’s Telephon… völlig undenkbar.

SMS schreiben/lesen ist natürlich für Dritte weit weniger störend. Aber die schiere Idee, daß jemand im Dienst (nicht in der Pause) private SMS liest oder gar schreibt finde ich so grotesk, daß ich diese Nachricht erst für einen falschdatierten Aprilscherz gehalten habe. Ist es heute wirklich denkbar, daß eine Richterin während einer Sitzung ihr Handy eingeschaltet bei sich trägt? Wird das von den Bürgerinnen und Bürgern nicht mehr als Gipfel an Respektlosigkeit gegenüber allen anderen Mitwirkenden empfunden? Wird sie als nächstes nebenher mit dem Tablet daddeln? Bißchen Bussimulator während eines Verkehrsdelikts oder ein Egoshooter bei Mord? Wozu trägt Madame eine Robe, was soll damit versinnbildlicht werden, wenn sie dann während der Verhandlung nebenher ihre private Kinderbetreuung organisiert? – Jajaja, das ist wichtig, daß die Kleinen betreut sind. Sicher kann man für solche Angelegenheiten eine Verhandlung unterbrechen, das ist wichtig wie Pipimachen. Aber direkt während der Verhandlung zeitgleich Privatangelegenheiten klären? Wenn ein Angeklagter das täte, würde er vermutlich wegen Mißachtung des Gerichtes gerügt werden. (Auch hier wieder: Stellt Euch mal einen Angeklagten vor, der während belehrender Ausführungen des Richters SMS schreibt… oder einen Anruf annimmt oder tätigt…) Naja, auch das Unmögliche kann passieren. Aber daß das dann bis zum BGH hochläuft, das fasse ich wirklich nicht. „Schamlosigkeit“ ist wohl ein Übel unserer Zeit.

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3 Kommentare zu Handy-Pest

  1. -thh sagt:

    „Ist es heute wirklich denkbar, daß eine Richterin während einer Sitzung ihr Handy eingeschaltet bei sich trägt?“

    Natürlich.

    Längere Hauptverhandlungen sind im übrigen über weite Teile auch völlig unspannend, so dass ich im Multitasking kein großes Problem sehe. Umso weniger, wenn man weiß, dass sogar die Briefzensur während der Hauptverhandlung schon akzeptiert wurde (ein No go, finde ich), und es ohnehin nötig ist, während der Vernehmung zuzuhören, mit zuschreiben und ggf. Fundstellen in der Akte zu suchen. Da fällt eine SMS auch nicht mehr ins Gewicht – auch für den Angeklagten nicht, da bin ich ziemlich sicher. Aber wenn man damit den Prozess zum Plätzen bringen kann …

    Siehe dazu auch http://www.bild.de/regional/stuttgart/prozess/gutachter-fliegt-aus-prozess-iphone-33084546.bild.html

    In größeren Verfahren hat man nicht selten den Eindruck, dass Verteidiger und Nebenklägervertreter zwischendurch Kanzlei Organisation betreiben; ich halte es jedenfalls eher für unwahrscheinlich, dass die ganzen UMTS-Karten in den Laptops für das ständige Nachschlagen in Entscheidungsdatenbanken erforderlich sind …

    Die echten Probleme beginnen aber dort, wo Angeklagte an die Handys ihrer Verteidiger kommen oder „irgendwie“ von deren Laptops aus Mails verschicken und damit die in der U-Haft angeordnete Überwachung der Außenkommunikation umgehen – oder wenn im Publikum aufgezeichnet oder gefilmt wird.

    Mich persönlich nervt weniger mehr als diese ubiquitären Telefonitis und Smartphoneritis, aber man sollte die Kirche im Dorf lassen: zwischendurch mal eine SMS zu lesen oder zu schreiben ist in vielen Kontextem unproblematisch, und manchmal ist es eben auch erforderlich, eine Besprechung, ein gemeinsames Familienessen in Restaurant oder eine andere Aktivität für ein dringendes Telefonat zu unterbrechen. Eher nicht notwendig ist es hingegen, Reisen oder auch nur den Weg zur Arbeit für Dauertelefonate zu nutzen oder Essen und Besprechungen mit der ständigen Beobachtung eines Twitterfeeds oder der WhatsApp-Gruppe zu verbinden.

  2. -thh sagt:

    Was ist denn in meinem Kommentar mit den Zeilenumbrüchen bzw. Absätzen passiert?!

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