Gedanken zum „Islamischen Staat“

Ich bin kein Orientalist, und ich verfolge nichtmal die Nachrichten besonders gewissenhaft. Trotzdem hab ich ein paar Überlegungen angestellt, die ich hier gerne ausbreiten möchte (dafür ist ein Blog schließlich da). Aufgefallen am „IS“ war mir zuerst, daß prominente frühere irakische Offiziere dort mitspielen. Der Irak war ja nun eher ein recht säkularer Staat, mit einem Katholiken als Außenminister. Das zweite auffällige war die Anziehungskraft, die der „IS“ scheinbar auf Migrantenkinder ausübt. Das dürfte ja eigentlich nicht sein: Die erleben hier Gesundheit und Freiheit und alle Vorzüge unserer Gesellschaftsform, und als Reaktion gehen sie hin und kämpfen irgendwo in der Pampa für eine radikal andere Gesellschaftsordnung. Nur mit Trotz gegenüber den Eltern ist das ja kaum zu erklären.

In Deutschland vollzog sich im Mittelalter der Übergang vom Personenverbandsstaat zum Flächenstaat. „Staat“ nehme ich jetzt mal als Gemeinschaft, die nach ihren Regeln zusammenlebt und untereinander eine gewisse Solidarität übt. Staatsrechtler können das bestimmt besser auf den Punkt bringen, aber mein Kern ist: Ein Alemanne der Völkerwanderungszeit gehorchte den Gremien und Machtstrukturen seines Stammes, seiner Großfamilie. Die bot ihm Schutz und Sicherheit, wirtschaftlich, militärisch, religiös und so weiter, und dafür unterwarf er sich ihr und brachte sich ein (Steuern, Wehrdienst, …). Das wandelte sich in den folgenden Jahrhunderten langsam und schrittweise dahingehend, daß plötzlich relevant wurde, wo ich wohne. Nicht der Sippenälteste ist entscheidend, sondern der Bürgermeister, König oder was-auch-immer. Das ist bis heute so geblieben (sieht man mal von interessanten Erscheinungen wie nichtseßhaften Großfamilien ab), und es gibt ja auch ganz praktische Gründe zugunsten dieses Modells. Auch wenn es seine Schwächen hat, wenn im Staat kein gemeinsames Wertesystem mehr existiert. Ich hab hier ja schonmal gesagt, daß ich mich dem katholischen Afrikaner verbundener fühle als dem agnostischen Sachsen und eigentlich lieber ersterem Sozialhilfe zahlen will als letzterem. Geht aber nicht, aus durchaus einleuchtenden Gründen.

So. Wenn Ihr das jetzt zuendedenkt, seid Ihr schon fertig mit dem, was ich sagen will. 🙂 Wo steht denn der arabische Raum, was eint die Staaten dort denn? Sind das noch Großfamilien/Sippen/Völker oder eher Flächenstaaten, wie wir sie gewohnt sind? Wer gibt dort den Zusammenhalt und die Regeln des Miteinanders vor, wer sorgt für die Abgrenzung nach außen und das Miteinander nach innen durch einigende Rituale und Werte? – Da bietet sich der Islam halt schon ziemlich an, wenn man da auf den Trümmern der scheiternden Staaten einen neuen gründen möchte, irgendwas zum Stolzdraufsein. Darauf kann man auch kommen, wenn man selbst ein eher säkularer Ex-Offizier ist.

Der eigentlich interessanteste Punkt ist aber der mit den Migrantenkindern. Unsere europäischen Flächenstaaten sind, wohl aufgrund des zurückgehenden einigenden Wertesystems, bei einem (geringen) Teil dieser Jugendlichen nicht in der Lage, deren Bedürfnis nach Halt und Orientierung, nach innerer Einigung und äußerer Abgrenzung der Gesellschaft, nach Schutz und Sicherheit in mehrfacher Hinsicht – eben den Funktionen eines Staates – gerechtzuwerden. Und plötzlich ist es keine so völlig absurde Idee mehr, sich ausgerechnet diese Terrortruppe als „Heimat“ auszuwählen, der man sich zugehörig fühlen möchte, auf die man stolz ist.

Ich möchte diesen Beitrag aber nicht als Plädoyer für mehr „Integrationsarbeit“ verstanden wissen. Die Frage ist eher, wie wir verhindern, daß unsere Gesellschaft unattraktiv für eine Integration wird. Und das ist absolut keine Frage des Wohlstands, und auch keine von staatlich verordneter Zwangs-Solidarität oder staatlicher Morallehre („Lebensgestaltung“ als Schulfach bleibt für mich pervers). Das kann der Staat schlicht nicht leisten. Erst war die Gemeinschaft, dann wurde der Staat. Vielleicht ist die Zeit der Flächenstaaten doch langsam an ihrem Ende angekommen. (Aber solange wir hier glücklicherweise von Einzelfällen sprechen, denen hunderttausende gut integrierter Migranten gegenüberstehen, ist das eh noch kein wirklich akutes Thema, eher ein perspektivisches, weil die Richtung falsch sein könnte, in die sich das ganze entwickelt.)

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