Auto.

Wer mich kennt, weiß: Ich habe einen Führerschein, sogar so einen alten für 7,5 Tonnen plus Anhänger, aber ich verwende ihn seit über 20 Jahren nicht. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus pragmatischen. Ich hab den Führerschein zwischen Abitur und Studienbeginn gemacht (mit zweimal Theorie pro Woche, wozu ich extra von Weinheim (Weststadt) nach Birkenau radeln mußte), hatte dann aber im Studium kein Auto zur Verfügung, und in Karlsruhe ist man mit der rund um die Uhr verkehrenden Straßenbahn und nem Fahrrad eh völlig ausreichend mobil. Allenfalls für größere Transporte wie bspw. meinen Umzug von Rintheim nach Durlach, da ist natürlich ein Auto hilfreich. Den Umzug innerhalb von Durlach hab ich, wie geschildert, ja mit einem Handwagen bequemer erledigen können als es mit einem LKW je gegangen wäre.


Der Umzug von Rintheim nach Durlach war auch tatsächlich das letzte Mal, daß ich ein längeres Stück am Steuer saß. Vor Studienbeginn ein bißchen mit dem Renault R4 meiner Eltern in Weinheim herum (gruslige Erfahrung, wenn Gangschaltung, Handbremse, Blinker und Licht (und bestimmt noch mehr) völlig anders angeordnet sind als im Fahrschulwagen, in dem man grade erst mühsam seine Reflexe trainiert hat. Dafür lernt man mit 37PS sehr schnell vorausschauendes Fahren). Dann einmal drei Wochen mit zwei Freunden und dem ausgebauten VW-Bus meiner Eltern (56PS, dafür aber ein Hochdach, damit er nicht zu schnell wird), und das war’s mehr oder minder. Eben für den Umzug hab ich den dann vorhandenen Omega meiner Eltern nach Karlsruhe überführt, ihn dort aber bereits lieber von einem Freund durch die engen, verkehrsreichen Straßen fahren lassen. Der half eh beim Umziehen, da war egal, wer fährt. Das müßte etwa 1993/94 gewesen sein. Dann war Schluß hinter’m Steuer.

Dann kam Ende letzten Oktobers die Sache mit dem O 307, den ein Freund und ich zusammen restaurieren möchten. Testweise hab ich den kurz nach dem Kauf auch mal angemacht und so anderthalb Buslängen vor- und wieder zurückgefahren. Mehrfach sogar. Schönes Gefühl, großes Gewackel und satter Ton, 240PS. Auf Bewegungen des Gaspedals reagiert er einige Augenblicke verzögert, das war ungewohnt. Und natürlich die mit Druckluft betriebene Bremse.

Ich brauch noch immer kein Auto, aber irgendwie dachten wir uns, es wär auch nicht verkehrt, zusätzlich zum Überlandbus ein schon heute zulassungsfähiges und fahrbereites Fahrzeug zur Verfügung zu haben. Und hingen so mit einem Auge auf den einschlägigen Internetmarktplätzen. Und da gab es dann plötzlich einen voll süßen roten Transporter, ein historisches Fahrzeug aus dem Jahr 1973, ein Mercedes-Benz L 406 DG, der sich also ganz prima neben unserem Mercedes-Benz O 307 machen würde. Und ich wand mich, und ich wurde nicht schlüssig, ob das jetzt wirklich nötig wäre. Und irgendwann war er offline. Halb war ich erleichtert, der Entscheidungsqual enthoben zu sein, halb sauer, weil eben doch… Und dann war er Mitte Januar wieder online, nun mit neuem TÜV und Hinweis auf seine neuen sieben Reifen und seine nur 127.000km. Und er sah immernoch aus wie eine blechgewordene Versuchung. 60 Pferdestärken, 4,6 Tonnen. Also vielleicht zum Wieder-Einstieg in das Autofahren ganz gut geeignet. Wenn ich das denn wollen würde. Groß, rot, unübersehbar und selbst eher sanftmütig. Eher vorne im Stau.

Ebay hat Bedienungsanleitungen für wenig Geld. Damit kann man sich mal einen Eindruck verschaffen. Und man kann ihn ja mal besichtigen in der Pfalz. Damit hat man ja noch keine Entscheidung getroffen. Der Besitzer ist Weinbauer: Opa gehört das Auto, Sohn regelt den Verkauf, Enkel hat gesagt „laßt uns auch im Internet inserieren“. Der Wagen kam im Alter von fünf Jahren auf den Hof und ist nun seit 37 Jahren dort als Zugmaschine. Allerdings besorgte man sich dort dann doch bald nen stärkeren Traktor als Haupt-Arbeitstier, und nun, wo der Opa doch lieber mit Servolenkung und kräftigerem Motor fährt, wurde der L 406 DG endgültig durch was neueres französisches ersetzt. Man holte mich gerne am Bahnhof ab, denn das ist ja schon kurios genug, daß jemand bahnfährt in die Pfalz, da kann man den den Kilometer bis zum Hof nicht laufen lassen – „bis ich Ihnen erklärt hab, wie Sie hinkommen, hab ich Sie schneller abgeholt“. Prima. Ich hab mit Kennermiene und starker Taschenlampe in die Radkästen und den Motorraum gespäht, nachdem ich vorher alle meine Bekannten, von denen ich denke, daß sie was davon verstehen könnten, interviewt habe, worauf man denn da achten muß. Zur Erinnerung: Ich hab noch nie ein Auto besessen, ich hab noch nichtmal jemals ein Auto betankt. Auf eine Probefahrt hab ich daher verzichtet, aber mir angehört, daß der Motor sofort anspringt nach dem Vorglühen, und sich im ersten ebenso wie im Rückwärtsgang für meine Ohren gut anhört.

Zurück in Durlach. Konsultationen mit Freunden, speziell natürlich dem Buspartner. Irgendwann die Erkenntnis, daß man „sowas“ rational nicht klären kann. Da kann man hundert Seiten mit Pro- und Contra-Argumenten füllen, das führt zu nix. – Nun gut, werd ich also Teilbesitzer eines kleinen Mercedes-Museums mit zunächst zwei Fahrzeugen. Hätte mir das jemand letzten Sommer vorhergesagt, hätte ich ihm nahegelegt, seine Kristallkugel mal zur Wartung zu bringen.

Übrigens: Als Nochnie-Autobesitzer staunte ich nicht schlecht, mit welcher Selbstverständlichkeit die Zulassungsstelle Öffnungszeiten wie vor 30 Jahren hat: Samstags garnicht, freitags nur 8:30 bis 12:30. Ja und da demonstriert niemand dagegen? Das steht in keinem Kommunalwahlprogramm? Samstag ist ein Werktag. Es würden keine Mehrkosten entstehen, machte man irgendwann unter der Woche zu und dafür samstags auf. Idealerweise wenigstens bis 20h. Aber das hab ich ja schon vor Jahren bei der Durlacher Postfiliale notiert, welche Blüten es treibt, wenn man nicht im Wettbewerb steht (oder dies meint). Außerdem hab ich sehr viel eigentlich unnötiges, weil völlig künstliches Fachwissen aufgesammelt rund um H-Kennzeichen, Ablastung, Versicherungsmodalitäten und Steuern. Meine Fresse, mit was man sich beschäftigen kann.

Gestern war dann der große Tag der Überführung aus der Pfalz. Das heißt, daß wir seit Freitag gepackt haben. Warndreieck, Warnweste, Warnlampe, Verbandskasten, Dieselkanister, Nummernschilder, Schlüssel, Werkzeug, Akkubohrer, Kabelbinder. Und nicht zu vergessen die Christophorusmedaille. Und jetzt steht er in Durlach. Danke den drei weiteren Helfern, die die Überführung zu einem kleinen Event werden ließen. 🙂 Die nächsten Wochen dann noch Oldtimerzulassung und Ablastung auf 3,5 Tonnen. Aktuell steht er unter einer Brücke (ohne Tauben) – wenn jemand einen überdachten Stellplatz hier in der Nähe kennt, wo ein 2,3m hohes Fahrzeug reinpasst (4,5m lang, 2m breit, also PKW-Maße bis auf die Höhe), dann bitte Info an mich. Er soll ja auch die nächsten 40 Jahre so top aussehen wie im Moment. (Wozu sicherlich beitragen wird, daß ich nicht unbedingt vorhabe, ihn selbst zu fahren. Gibt genug Menschen, die gerne fahren.) Bescheuert? Ja, irgendwie schon. Und?

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